Andachten zum Monatsbeginn   Tropfen bild zu den Andachten

Innehalten – Ruhe finden – Impulse mitnehmen – Gemeinschaft entdecken

Die Andachten zum Monatsbeginn finden an jedem ersten Freitag des Monats statt. Um 18 Uhr in der St.Severi Kirche. Die aktuellen Termine finden sich auf dieser Website unter Aktuelles –> Termine.  Thema ist immer ein kurzer Bibeltext, meist der jeweilige Monatsspruch. Dazu passend werden Lieder gesungen, Gebete und Psalmen gesprochen und Gedanken vorgetragen.

Ein bis zwei Wochen vorher werden die Andachten vorbereitet. Wer sich dazugesellen möchte, ist herzlich eingeladen. Nähere Informationen bei Rosemarie Krause unter Tel. 04751-5724.

Die Corona-Krise unterbrach die Andachten zum Monatsbeginn. Seit Juni 2020 finden sie wieder statt.

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Andacht zum Monat Oktober 2021

MONATSLOSUNG OKTOBER:
Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.
(Hebräer 10, 27)

Gedanken von Carolin Pappe

Was würde es für mich ohne Kirche nicht geben? Diese Frage des Journalisten Heribert Prantl stelle
ich mir und gebe sie auch an Sie weiter. Was könnte ich gut missen – worauf würde ich nur ungern
verzichten?
Ich habe mir zu diesen Fragen bereits einige Gedanken gemacht, ich gebe Ihnen etwas Zeit, für sich
Antworten zu suchen und sie eventuell hier mitzuteilen…
Was würde es für mich ohne Kirche nicht geben?
Was könnte ich gut missen – worauf würde ich nur ungern verzichten?
Ich singe in einem Kirchenchor, manchmal Konzerte, teils in Gottesdiensten, sind wir unterwegs, so
besuchen wir mitunter Gottesdienste „in der Fremde” und dabei empfinde ich meistens ein Gefühl
der Heimat, häufig ausgelöst durch Liturgie oder Lieder. Unsere Andachtsvorbereitungen und die
Andacht selber, auch die etwas anders gestalteten Andachten zu Jahresbeginn – würde es für mich
ohne Kirche nicht geben. Wahl des KVs, Briefe zum Kirchgeld, Kirchensteuer auf der
Gehaltsabrechnung – missen könnte ich wohl jeweils die administrative Seite,  auch wenn ich weiß,
dass es ohne sie nicht so ginge. Verzichten nicht: die Kirchengebäude, die oft den Atem vieler
Jahrhunderte tragen und je nach Architektur und Gestaltung mir Wohlfühlen vermitteln. Oder mir
einen Raum geben, um zur Ruhe zu kommen, Danke zu sagen im Gespräch mit Gott – aber Gebäude
und Orgeln braucht es vielleicht nicht unbedingt, um Gemeinschaft mit Gott zu haben.
Weder für mich „allein“, noch für mehrere. Wir haben eben im Kanon gesungen „Wo zwei oder
drei…“ auch auf einer Wiese oder so können wir Gemeinschaft im Glauben erleben und Gottes Wort
in uns wirken lassen, dazu bedarf es wenig Institution und Architektur.
Aus den Gruppen (Chor, Andacht, Kirchentag, Jugendkreis) werden Impulse für den Alltag
mitgenommen, es wird Gutes herausgenommen und weitergegeben.
Hier kommt nun der Hebräervers, der heißen kann: „Lasst uns aufeinander acht geben, ermutigt
euch, gute Sachen zu machen, wir sind füreinander verantwortlich – daher lasst uns gegenseitig zu
Liebe und guten Taten anspornen.“
Auch wenn wir vielleicht einiges missen können, was Kirche auch ist – der Vers macht deutlich, dass
wir einander benötigen, weil wir uns manche Dinge nicht selber sagen können. Hoffnung,
Zuversicht, Mut, Segen – sagen uns andere. Bonhoeffer meinte: Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche
für andere ist.
Ich kann auf Dauer nicht nur meinen „privaten“ Glauben pflegen, sondern benötige den Austausch
und die Gemeinschaft mit Gott und anderen Mitmenschen, um im Glauben bestärkt zu werden, in
Notzeiten Unterstützung zu erfahren – dadurch gedeihen Gaben und Gemeinschaft. In unseren
Gedanken in der Vorbereitung hatten wir aber auch festgestellt, dass es auch Nichtchristen gibt, die
Gutes tun – sei es bei THW, DRK oder ohne Organisation. Und tatsächlich kann der Vers auch generell
auffordern und ist auch ohne Glauben leistbar: solange die Welt dadurch menschlicher wird und
Verantwortung übernommen wird, finde ich die Basis, auf der das ruht, nachrangig. Für mich selber
ist wiederum der Glaube als Basis entscheidend, um mein Leben zu gestalten im Versuch, im Sinne
Jesu zu leben und hierbei merke ich immer wieder „Glaube ist kein Einzelgänger” und fühle mich in
der Gemeinschaft, beispielsweise der Andacht, beschenkt und bestärkt und wünsche uns allen diese
Erfahrung aus dem Miteinander heraus.
DIe Menschen damals warteten auf Jesus, den einige noch gesehen hatten, hofften, dass er zur Tür
hereinkommen würde. Wir heute warten nicht in dem Sinne auf sein Erscheinen, drücken aber
beispielsweise im folgenden Lied unseren Glauben aus: “Wir glauben Gott ist in der Welt”.

Andacht zum Monat Juli 2021

MONATSLOSUNG Juli:

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben,  weben und sind wir.“

(Apostelgeschichte 17, 27-28)

 Gedanken von Rosemarie Krause

„Wo ich gehe, wo ich stehe,

bist du, lieber Gott, bei mir.

Wenn ich dich auch niemals sehe:

Ich bin sicher, du bist hier.“

Dieses kleine Kindergebet kam mir in den Sinn, als ich mich dem Monatsspruch zuwandte, um ihn besser zu verstehen. Hier drückt sich eine Geborgenheit aus, denn es ist der „liebe“ Gott, den das betende Kind bei sich fühlt. Kinderglaube tut gut: ich bin sicher, Gott, du bist hier und ich bin bei dir in Sicherheit gegenüber der unfassbar großen Welt.

Anders fühlt sich das erwachsene Suchen und Zweifeln an: Gott, wo bist  du? Warum verbirgst du dich? Gibt es dich überhaupt? Stimmt die Schöpfungsgeschichte, in der erzählt wird, dass du allein die ganze Welt erschaffen hast und auch den Menschen, den Menschen in seiner milliardenfachen Vervielfältigung, den Menschen, der seinen Brüdern und Schwestern Leid und Schmerz zufügt, dem dasselbe auch von den Anderen zugefügt wird? Diese Geschichte kann doch gar nicht stimmen: die Naturwissenschaften haben Beweise gefunden, die sie in ein anderes Licht stellen.

Wie kannst du Kriege und Flüchtlingselend zulassen, schwere Krankheiten und Naturkatastrophen? Wie kannst du zulassen, dass deine Geschöpfe deine Schöpfung misshandeln und vielleicht zerstören? Bist du der liebe Gott, den das Kind vertrauensvoll anbetet? Welche Attribute treffen zu bei dir: Bist du gnädig, gütig, groß, bist du ein liebender Gott, hast du Erbarmen mit uns, bist du allmächtig? Bist du etwa nicht allmächtig?

Wir stellen Gott viele Fragen, Antworten sind nicht immer leicht zu finden. Manchmal sind es nur Spuren, die wir zu entdecken meinen: Diese ganze Natur, sie ist so unermesslich wunderbar, vom menschlichen Verstand nie ganz zu fassen.

Und die menschliche Natur, wie ist es um sie bestellt? Ist der Mensch von Natur aus gut oder ist es umgekehrt: ist er böse? Woher hat er seine Ethik, sein Gewissen, das ihn zurückhält, wenn Enttäuschung zu Verzweiflung wird, Verzweiflung zu Wut und Hass, die sich in Gewalt entladen können? Warum gehen die Menschen nicht immer rücksichtsvoll, liebevoll miteinander um?

Wo also bist du, Gott?

Wo, besonders wenn wir in Not geraten?

Meine alte Tante, geboren 1895, erzählte mir in meinem jugendlichen Fragen von einem Gespräch mit ihrer Freundin Leni: Tante Erna hatte nach Gottesbeweisen und Glaubensorientierung gefragt, hatte ihre Zweifel nicht überwinden können – und Leni lachte sie an. Warum das viele Fragen? Du musst einfach glauben, einfach nur glauben, dann bist du in Sicherheit und kannst ein gutes Leben führen.

Einfach glauben! Den Kinderglauben festhalten.

Tief berührt hat mich die Äußerung von Margot Käßmann, als sie massiv über einen Fehler stolperte und ihr Bischofsamt aufgab: Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand, sagte sie.. Diese Gewissheit! Solcher Trost!

Einen solchen Schutz und eine solche Festigkeit finden  wir auch in diesem kleinen Text, in unserem Monatsspruch:

Gott ist immer da. In ihm leben, weben und sind wir. Punkt.

Amen

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Die Andacht zum Monat Juni fand wieder live statt, draußen vor dem Gemeindehaus. Endlich war auch wieder gemeinsamer Gesang möglich:

Die Gedanken zur Monatslosung kamen von Reinhard Krause:

Monatsandacht Juni 2021: 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 

Apg. 5, 29 

Wer sind die Menschen? In Zusammenhang mit dem Monatsspruch sind es die religiösen Führer Israels kurz nach der Kreuzigung Jesu. Menschen, die sich in der Verantwortung für ihren Glauben an den Gott Israels sehen und Jesus nicht als den angekündigten Messias anerkennen, sondern als einen Gotteslästerer begreifen, der beseitigt werden musste. So wie auch andere, die mit ihrer Auffassung von der herrschenden Lehre abwichen und das damals mit ihrem Leben bezahlten. Die Umgebung des Monatsspruchs in der Apostelgeschichte erzählt davon. Nicht immer historisch korrekt, aber als Lukas alles niederschreibt, sind ja auch viele Jahrzehnte vergangen und mündliche Überlieferung ist alles andere als unbeweglich. 

Wenn dieser Vers heute zitiert oder inhaltlich genutzt wird, geht es um verschiedene Dinge. Es geht um das Recht, einer herrschenden Meinung, einer brutalen und ungerechten Herrschaft, zu widersprechen. Etwa in Myanmar oder Belarus oder Mali oder … Überall, wo herrschende Cliquen ihre korrupten wirtschaftlichen Privilegien mit der Unterdrückung eines Volkes aufrechterhalten wollen. Und sich dazu selbst ein wohl gottloses Recht geben. Behaupten, eine höhere Ordnung gegen Störenfriede oder gar Terrorristen zu verteidigen. Wie zum Beispiel Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland zur heiligen Heldentat erklärt wurde. Und doch nichts anderes war als brutaler Völkermord. 

Hannah Arendt hat in diesem Zusammenhang das Recht zum Gehorsam gegenüber den Herrschenden verworfen, als das deutsche Volk und insbesondere die konkret angeklagten Täter sich vor Gericht oder vor kritischen Angriffen damit verteidigten, dass sie nur Befehle befolgt hätten und doch zum Gehorsam verpflichtet waren. Gott mehr gehorchen als der Herrschaft und der Grausamkeit heißt dann ja wohl: dem Gewissen und einem liebevollen Menschenbild verpflichtet sein. Bereit sein zum Widerspruch und Widerstand und möglicherweise zum Opfertod. Wie die Geschwister Scholl und die gesamte Gruppe „Die weiße Rose“ das vorgelebt haben. Wie Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Märtyrer aus dem deutschen Widerstand. 

Gott gehorchen. Den haben wir nicht im Griff. Dem nähern wir uns nur als Menschen an wie Mose am brennenden Busch am Berg Horeb. Oder die Urgemeinde damals nach der Kreuzigung Jesu in Jerusalem. Oder Luther in seinem Widerstand gegen die damalige Kirche und ihre korrupte Theologie.  

Gott missbrauchen. Das ist die andere Seite der Medaille bei der Berufung auf Gott. Wenn im unsinnigen Widerstand gegen Pandemiebekämpfung von einer Querdenkerin Sophie Scholl als Vorkämpferin der Freiheit beansprucht wird. Wenn Trump-Anhänger sich bei ihrem ideologischen Bestreben auf Dietrich Bonhoeffer berufen, der ja auch am bewaffneten Widerstand in Deutschland beteiligt gewesen sei. Dann stimmt etwas nicht. Dann wird dieser Satz vom Gott gehorchen müssen problematisch.  

Die Sehnsucht nach Gott ist für mich eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Geborgenheit. Und wo Ungerechtigkeit und Terror einkehrt, da hört das berechtigte Berufen auf Gott auf. Da wird Gott sinnwidrig. Lebensfeindlich. 

Als christliche Gläubige feiern wir Gott im Bild der Trinität dankbar für das, was uns an Lebendigkeit und vielfältiger Lebenswelt geschenkt ist. Wir orientieren uns an Personen, die uns beeindrucken und überzeugen. Auch oft genug in ihrem Leid, das sie dafür hinnehmen müssen. Und an guten und richtigen Gedanken, die uns erreichen und unser Handeln auf die richtige Spur bringen.  

Nachdenken und Nachfühlen müssen wir in unserem Leben selbst. Unser Gewissen befragen und bemühen. Hoffentlich mit einem Ergebnis im Sinne dieses Gottes, dem wir dann natürlich mehr gehorchen müssen als dem kurzlebigen Mainstream. Solcher Gehorsam hält die Welt und ihre Geschichte in Bewegung und schützt das Lebendige vor tödlicher Erstarrung. 

Amen 

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Hier kommen Sie zur Online-Andacht zum Monatsbeginn Mai https://youtu.be/l7zZf9o2nlA_Andacht zum Monatsbeginn Mai

Aufgezeichnet in St. Severi, Otterndorf. Mit: Reinhard Krause, Rosemarie Krause, Ute Mushardt, Carolin Pappe sowie Kai Rudl am Keyboard

Kamera: Ekkehard Drath

MONATSLOSUNG Mai:

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen     Sprüche 31, 8

Ablauf:

  • John Herberman: A Path to Solitude (Keyboard)
  • Begrüßung
  • Lied (HuT – Durch Hohes und Tiefes 163) Meine engen Grenzen
  • Gedanken zum Text
  • Lied (EG – Evangelisches Gesangbuch 432) Gott gab uns Atem
  • (HuT 637) Psalm 40
  • (Lied Vers 1,2,5)  Wenn du denkst, du hast zum Helfen keine Zeit
  • Gebet
  • Vaterunser
  • Lied (HuT 222)  Möge die Straße
  • Segen
  • Lied (HuT 220) Bewahre uns, Gott
  • Schlussworte
  • Musik zum Ausgang: Variationen über “Bewahre uns, Gott”

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Hier kommen Sie zur Online-Andacht Andacht zum Monatsbeginn April

Aufgezeichnet in St. Severi, Otterndorf. Mit: Reinhard Krause, Rosemarie Krause, Ute Mushardt, Carolin Pappe sowie Kai Rudl am Keyboard

Kamera: Ekkehard Drath

MONATSLOSUNG April:

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.     Kolosser 1, 15

Ablauf:

  • Begrüßung
  • Ouverture E-Moll von Niki Reiser (aus  “Das fliegende Klassenzimmer”).
  • (Lied) Bleibet hier und wachet mit mir (3mal)
  • Gedanken zum Text
  • Lied (HuT 215) Leben aus der Quelle
  • Hymnus aus dem Kolosserbrief (Kol. 1, 15-20)
  • Lied (HuT283) Ich sing dir mein Lied
  • Text von Dorothee Sölle (als Gebet)
  • Vaterunser
  • Lied (HuT189, 1+4   Wir haben reichlich Segen erfahren
  • Segen
  • Lied HuT 220 Bewahre uns, Gott
  • Schlussworte
  • Lied EG 175 Ausgang und Eingang

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Im März findet im allgemeinen keine Andacht zum Monatsbeginn statt, weil zeitgleich der Weltgebetstag stattfindet.

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Blick auf die Otterndorfer St. Severi-Kirche vom Süderwall aus (Foto: Silke Becker)

Die Februar-Andacht fand nur im Internet statt: https://www.youtube.com/watch?v=OoLLQtU16Rg&feature=youtu.be

Gedanken zur Monatslosung für den Februar 2021

von Reinhard Krause

„Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ Lukas 10, 20 

Wenn ich Lukas fragen könnte, würde ich wissen wollen, wo der Himmel bei ihm oder Jesus verortet ist. Ist damit der Himmel über uns gemeint oberhalb der Scheibe Erde, auf der die Menschen damals zu leben glaubten? Die ist uns ja schon einige hundert Jahre verloren gegangen, diese Erde und dieser Himmel, in dem von uns Menschen weniger unsere Namen als hinterlassener Weltraumschrott zu finden ist. 

Das Himmelsbuch, in dem unsere Namen zu finden sind, ist als Idee viel älter als das Lukasevangelium. Im Zusammenhang des Textes geht es ja um sowas wie den Kampf des Bösen und des Guten, die Besiegung des Teufels durch Gott. 72 von Jesus bevollmächtigte Jünger sind ausgezogen und stolz zurückgekehrt, weil sie böse Geister aus Menschen vertrieben haben. Aber der besiegte Teufel ist für Jesus nicht das Wesentliche. Sondern der Sieg Gottes. In sein Buch sind die Namen der Jünger eingetragen. Festgehalten, verewigt. Darüber sollen sie sich freuen. 

Eine Zukunft, in der Menschen in ein Buch des Lebens eingetragen werden. Von einer himmlischen Bürgerliste spricht die Erklärungsbibel. Nun gut, dieses Himmelreich oder Reich Gottes ist eine Sache des Glaubens, des Vertrauens in das Geschenk des Lebens. Namen bezeichnen einen ganzen Menschen in einem Leben mit irdischem Anfang und irdischem Ende. Jede und jeder ist einmalig. Er muss sich nicht anpassen und verzweifelt einem Mainstream nachjagen. Oder als junger Mensch Follower einer Heldin im Netz werden. Nein, so wie jemand ist, ist er im Buch des Lebens eingetragen und angenommen. Keine Leistung, ein Geschenk des Himmels, das uns alle Angst, allen Stress nehmen kann. Wenn wir uns als gewollte und geliebte Menschen annehmen können. 

Ob uns das gelingt? Oder hetzen wir nicht doch dem Gedanken nach, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Ziele, Pläne und Leistungen bringen müssen. Im Anfang des Lebens geht das nicht. Da sind wir angewiesen darauf ohne Gegenleistung beschenkt zu werden. Und am Ende auch oft nicht. Da sind wir wieder auf Hilfe angewiesen. Und manche auch ihr ganzes Leben. Nicht schlecht, wenn wir uns und unsere Mitmenschen in unseren Grenzen annehmen. Das macht die Welt himmlischer. Sicher! Gut in ein Bürgerbuch dort eingetragen zu sein. Amen 

Andacht zum Jahresbeginn

Votum und Begrüßung

von Rosemarie und Reinhard Krause

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. – Dieser Aufruf Jesu soll uns ermutigen, von der göttlichen Barmherzigkeit, die wir erfahren, zu lernen und sie weiterzugeben. Jesus sprach diese Worte nach dem Evangelisten Lukas zu vielen Menschen aus dem ganzen jüdischen Land, die sich auf einem Feld um ihn versammelt hatten, um ihn zu hören. Und damit sind sie auch an uns gerichtet.

Immer zum Jahresbeginn lädt die Kirchengemeinde Menschen aus der ganzen Stadt ein, um über ein Bibelwort nachzudenken und Perspektiven für ein neues Jahr zu gewinnen. Wir freuen uns, dass Sie dieser Einladung gefolgt sind, auch wenn das traditionelle Zusammensein nach der Andacht diesmal nicht möglich sein wird. Froh bin ich auch darüber, dass Pastor Klaus Volkhardt aus Bülkau uns wieder musikalisch unterstützt. Zusammen mit Kreiskantor Kai Rudl wird er die Musikakzente im Ablauf setzen. (Hinweise: Video-Aufzeichnung, Kollekte)

Wir wollen nun diese Andacht feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Barmherzigkeit“ – dieses Wort ist eigentlich nicht mehr zeitgemäß, nicht unbedingt alltagstauglich. Das Wort stammt aus der gotischen Kirchensprache. „Herz“ ist drin, das Organ, das in der jüdischen Bildersprache als Puls des Lebens Vernunft und Gefühl miteinander verbindet. Und „arm“ für alles Unvollkommene in unserem Leben oder dem der Anderen. Mit unseren Herzen sollen wir auf diese Unvollkommenheiten schauen, sollen bei Unglück und Leid nicht wegsehen, sondern uns zuwenden und da weiterhelfen.

Dabei steht ein solches Verhalten oft im Gegensatz zu unserem Alltagsverhalten. Nur zu leicht verführt uns der Ärger über einige Mitmenschen, der Frust über geplatzte Pläne dazu, dass wir unreflektiert reagieren, die Mitmenschen verbal aburteilen, über Andere richten. Beweggründe der anderen Seite sind uns dann egal, nur unser eigenes Unglück wollen wir abwenden, unser Vorrecht zementieren. Wir nehmen den Anderen nicht in den Blick, wir wiegen unser Handeln nicht mit dem Herzen ab und werden dann leicht rücksichtslos, erbarmungslos, unmenschlich.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz in der Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry.

Oft verhalten wir uns im Alltag so, dass wir, wenn wir etwas geben, dafür etwas zurückerhalten wollen, einen Deal machen. Wenn ich dir etwas gebe: Was hab ich dann davon? Jesus fordert von uns aber, ohne diesen Gedanken des eigenen Vorteils zu geben, und verspricht gleichzeitig: „Gebt, so wird euch gegeben.“ Tut Gutes, so wird euch auch Gutes getan. „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“ (Vers 38)

Seid barmherzig, ….

Die hebräische Bezeichnung für Erbarmen lautet racham. Das bedeutet auch Mutterschoß / Gebärmutter. Erbarmen, Barmherzigkeit als ein anderes Wort für Mütterlichkeit. Ein Bild fällt mir dazu ein: Das Kind ist gestürzt, die Kniee bluten, das Kind weint. Die Mutter pustet auf die Wunde und spendet Trost. Das Wunder geschieht: Es tut nicht mehr weh.

 … wie auch euer Vater barmherzig ist.

Das biblische Bild vom Vater erlebe ich am Sonntagmorgen beim Brötchenholen. Der kleine Junge mit dem Spielzeugauto, der sich mit seinem Papa langsam in der Schlange der maskierten Wartenden zum Eingang der Bäckerei vorarbeitet. Der freundliche Ton des Vaters, der das geduldige Warten auf die Brötchen zu einem sanften Erlebnis macht voller Leben.

Auch wenn nicht alle Väter und Mütter perfekt sind: Ohne ihre unendliche Geduld und ihre liebevolle Zuwendung oder die von anderen Menschen gäbe es kein Leben.

Gott wird Mensch oder: der reale Mensch wird zu einem Bild des liebevollen Gottes.

„Vom Umgang mit dem Nächsten“ – so heißt die Überschrift im Lukasevangelium über unserer Jahreslosung als Rezept für ein gutes Leben:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Gedanken zur Jahreslosung

von Thorsten Niehus

„Sei doch ein bisschen barmherzig.“ Etwas altmodisch klingt diese Aufforderung mit dem Unterton, es doch nicht so eng zu sehen, wenn der andere etwas nicht so ganz optimal gemacht hat. Barmherzigkeit ist aber etwas ganz Anderes, als großzügig über lässliche Fehler hinwegzusehen. Barmherzigkeit ist etwas ganz Anderes als die harmlose, selbstverständliche Aufforderung, doch nett miteinander zu sein.

Um das zu erkennen, müssen wir die Bibel aufschlagen und lesen, was im 6. Kapitel des Lukasevangeliums vor und nach der Jahreslosung steht. Dann erkennen wir, dass der Satz: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“, ein Scharnier bildet zwischen zwei Themen, die uns auch als Christen wohl die schwersten sind.

Wir befinden uns mitten in der Bergpredigt, die bei Lukas noch etwas zugespitzter ist als bei Matthäus. Vor der Jahreslosung spricht Jesus von der Feindesliebe: Nett zueinander sein und nach außen hin ein gutes Bild abgeben, das können auch die Heiden. Das ist nichts Besonderes. Wir sollen die linke Wange hinhalten, wenn uns jemand auf die rechte Wange schlägt. Und dann heißt es unmittelbar vor der Jahreslosung: Liebt eure Feinde und tut ihnen Gutes, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Uns wird deutlich, dass wir uns kräftig bemühen können, auch unseren größten Widersacher zu lieben. Das bedeutet mehr als akzeptieren oder respektieren. Wir können uns darum bemühen, aber wir wissen genau, dass wir immer wieder scheitern werden. Und doch mutet uns Jesus zu, an Gottes Stelle, als Stellvertreter Gottes auf Erden, unsere Feinde zu lieben. Nicht der Papst, nicht der Bischof, nicht irgendein anderer ist gemeint, sondern ich und du. Und wer auf den anderen mit dem Finger zeigt, auf den zeigen drei Finger zurück.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und unmittelbar nach der Jahreslosung folgen die Sätze: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. So und nicht anders.

Jesus beschreibt den ersten Schritt auf dem Weg zur Feindesliebe: Den anderen nicht zu beurteilen, gar zu verdammen, sondern ihm jederzeit zu vergeben.

Den anderen beurteilen bringt immer Unruhe mit sich. Nicht nur bei Kritik. Wenn ich jemanden öffentlich belobige, fühlen sich andere zurückgesetzt. Wenn Erzieherinnen im Kindergarten, diejenigen, die ohne Maske und Abstand mit vielen Kindern aus unterschiedlichsten Haushalten zusammenleben, wenn die einen Corona-Zuschlag bekommen, dann gibt es Menschen, die sagen: Vollkommen zu Recht. Denn schließlich sind Erzieherinnen sogar noch vor Altenpflegerinnen diejenigen, die am häufigsten von allen Berufsgruppen während der Corona-Pandemie krankgeschrieben werden müssen. Andere hingegen möchten auch einen Zuschlag haben und fühlen sich benachteiligt. Und schon haben wir Aufruhr. Und dass aus Streit mit Worten von Menschen, die sich zurückgesetzt fühlen, Taten folgen, dazu brauchen wir gar nicht ganz bis nach Amerika zu gucken, sondern fangen am Besten bei uns selber an.

Barmherzigkeit gegenüber den Menschen, die anders sind, die uns auf den Wecker gehen, vielleicht sogar feindlich gesinnt. Eigenes Geltungsbedürfnis und Neid auf Andere in den dauerhaften Lockdown zu schicken, wäre die Voraussetzung dafür, überhaupt über Barmherzigkeit nachzudenken und zu reden.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Die Jahreslosung 2021 ist keine harmlose Nettigkeit. Sie ist eine Zumutung. Gott mutet uns zu, andere nicht zu beurteilen, und nicht nur die, die uns nahe sind, sondern genauso unsere Feinde zu lieben. Eine Zumutung, zu der Gott uns Mut zuspricht, um Frieden zu stiften. Da sollen wir als Christinnen und Christen zu Recht ganz vorne dabei sein. Amen.

Gedanken zur Jahreslosung mit szenischem Spiel

von Carolin Pappe und Ute Mushardt

Szenische Darstellung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32)

Das ist Handeln aus Liebe. Die Geschichte vom verlorenen Sohn stammt aus ferner Zeit, aber das Thema ist uns nahe, bis heute. Der Vater ist barmherzig zu seinem Kind, weil er es liebt. Nicht etwa, weil das Kind es sich verdient hätte. So wenig, wie sich der verlorene Sohn die offene Tür seines Vaters erarbeitet hat.

Die offene Tür hatte der verlorene Sohn eigentlich verspielt durch Verprassen des Erbes. Aber die Liebe des Vaters bleibt dennoch.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet.

Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. (Lukas 6, 36-38)

Jahresrückblick

von Thorsten Niehus

Silke Becker hat mich, weil sie krank ist, gebeten, als ihr Stellvertreter im Kirchenvorstand einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr zu halten.

Ein Neujahrsempfang geht nicht in diesem Jahr. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, mich im Namen des Kirchenvorstandes bei allen haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden zu bedanken: Für das Engagement im Jahr 2020 und für die viele Geduld, Kreativität, Nerven und Extrazeit, die wir alle wg. der verrückten Umstände rund um Corona für unsere Kirchengemeinde eingesetzt haben.

Nach dem letzten Neujahrsempfang beginnt unser Gemeindeleben wie geplant: Winterkirche, neue Kirchenbeleuchtung, Konzert mit Klaus Florian Vogt, Weltgebetstag und manches mehr. Doch dann der erste Lockdown: Von heute auf morgen müssen wir Kirche und Gemeindehaus komplett schließen. Der Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden war der erste von vielen Gottesdiensten am Küchentisch. Vom Kirchturm klingen zwei Trompeten. Die Kindertagesstätte ist im Notbetrieb, Beerdigungen können nur im kleinsten Kreis unter freiem Himmel stattfinden.

Anfang Mai kamen die ersten sogenannten Lockerungen. Ein Begriff, den ich bisher nur aus dem Strafvollzug kannte: Unter Lockerungen versteht man Erleichterungen im Rahmen des Strafvollzugs für einen Strafgefangenen durch befristetes Verlassen der Justizvollzugsanstalt.  Darum finde ich das Wort Lockerungen furchtbar: Wir sind keine Gefangenen, nicht des Virus und erst recht nicht der Regierung, die Verantwortung für uns übernimmt, wo die Selbstverantwortung nicht ausreicht. Ich spreche lieber von Öffnungen, statt von Lockerungen.

Als erstes kam die Wiedereröffnung der Kirche mit Einschränkungen: Maske, nicht singen, Handhygiene, alles war ungewohnt und fremd.

Wir haben Orgelandachten und eine musikalische Abendandacht gefeiert.

Die Konfirmationen wurden in den September verschoben und in kleinsten Gruppen gefeiert, Im August gab es mehrere Schulanfänger-Gottesdienste nur mit Eltern und Kindern einer Klasse.

Im Sommer Gottesdienst, Chorproben und Posaunenchor draußen mit Abstand. Es konnte wieder gesungen werden. Im Gottesdienst und beim offenen Singen hinter der Kirche. Besuche waren wieder möglich. Auch der Handarbeitskreis traf sich wieder mit viel Abstand.

Mit den Öffnungen stieg die Ungeduld, dass alles wieder möglichst bald so wie früher wird. Doch mit dem Ende des Sommers machte sich erst die Ahnung und heute die Gewissheit breit, dass die Infektionen wieder galoppierend zunehmen.

Wir sind als Kirchengemeinde nach allem menschlichen Ermessen verantwortungsvoll mit dem Virus umgegangen. Während die meisten Schulen noch auf Verdacht gelüftet haben, gab und gibt es bei uns in Kirche und Gemeindehaus neben allen anderen Maßnahmen auch Luftmessgeräte, die anzeigen, wann Frischluft nötig ist.

Wir haben rechtzeitig und mit viel Sicherheitsreserve den Heiligen Abend geplant und gefeiert und werden auch im vor uns liegenden Jahr alles dafür tun, dass die Schwächsten geschützt werden, vor dem Virus und vor Vereinsamung.

Ob und wieviel von unserem früheren Gemeindeleben im vor uns liegende Jahr möglich werden wird, das wissen wir nicht. Uns bleiben Geduld und Kreativität. Und vor allen Dingen: Barmherzigkeit. Auch gegenüber unserer Begrenztheit. Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)

 

Um den Glauben geht es in der Jahreslosung 2020. Dazu haben wir dieses Bild ausgewählt. Es lässt sich nicht eindeutig und zweifelsfrei deuten.

Ich sehe da einen, der am Ende seiner Kraft ist. So schwer die Last, so viele Enttäuschungen, keine Rettung. Am Ende kommt er zu Jesus. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“, sagt Jesus zu ihm. „Wie kann ich dir meinen Glauben beweisen?“, schreit der Andere und reißt die Arme hoch, rot vor Anstrengung, vor Verzweiflung. „Ich glaube doch; hilf meinem Unglauben!“   Und er macht einen Schritt nach vorn, tritt aus der Gefangenschaft der Enttäuschungen heraus, geht einen ersten Schritt des Vertrauens, in die Rettung hinein.

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