Andachten zum Monatsbeginn   Tropfen bild zu den Andachten

Innehalten – Ruhe finden – Impulse mitnehmen – Gemeinschaft entdecken

Die Andachten zum Monatsbeginn finden an jedem ersten Freitag des Monats statt. Um 18 Uhr in der St.Severi Kirche. Die aktuellen Termine finden sich auf dieser Website unter Aktuelles –> Termine.  Thema ist immer ein kurzer Bibeltext, meist der jeweilige Monatsspruch. Dazu passend werden Lieder gesungen, Gebete und Psalmen gesprochen und Gedanken vorgetragen.

Ein bis zwei Wochen vorher werden die Andachten vorbereitet. Wer sich dazugesellen möchte, ist herzlich eingeladen. Nähere Informationen bei Rosemarie Krause unter Tel. 04751-5724.

Seit Juni finden wieder Andachten zum Monatsbeginn statt.

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Gedanken zur Monatslosung für den Oktober 2020

von Carolin Pappe

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN, denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s euch auch wohl.
Jeremia 29,7

Woher nehmen Menschen die Kraft, sich in der Fremde einzurichten, in die sie unfreiwillig geraten sind? Wie schaffen sie es, sich dort ein neues Leben aufzubauen?

In der Geschichte der Menschen gab es immer wieder Situationen, in denen alles verloren ging: Hab und Gut, Freunde, Verwandte, Alles – und man musste wieder bei Null anfangen. Oftmals führten und führen Kriege zu solchen Situationen. Auch bei Jeremia geht es um eine solche Situation: Die Worte, die wir als Monatsspruch gehört haben, richten sich an die aus Israel nach Babylon verschleppten Judäer – v. a. Menschen der sog. Oberschicht. Nebukadnezar hatte sie in sein Reich deportieren lassen. Die Menschen sind mit dieser Lage unglücklich, sie waren nun zu Unbekannten geworden, hatten sich selbst verloren. Und sie wollten nur eins: zurück. Nicht: da bleiben müssen. In diese Unzufriedenheit spricht Jeremia eine deutliche Sprache und Wahrheit, die sie eigentlich so lieber nicht hören wollen. 70 Jahre soll die Vertreibung dauern! Nicht: Wir können bald zurück, bald hat das ein Ende!

Dies bedeutet: für viele von ihnen wird es kein Wiedersehen mit der Heimat geben, das ist bitter und zum Jammern und nun sagt Jeremia aber noch: „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“

Vielen Menschen weltweit geht es derzeit so – vertrieben aus der Heimat oder geflohen von dort – mit wenig Chancen zurück zu kehren.

Ich dachte beim Lesen spontan an das Lager auf Lesbos, Moria – oder viele andere Flüchtlingslager. Ich will die Situation der Menschen dort weder gut heißen noch beschönigen, sie ist schlimm und sollte so nicht sein! Aber: im Sinne Jeremias – nun leben wir Hier und Heute, Hier oder Dort ist jetzt unser Zuhause – bringen wir hier unsere Gaben ein, kümmern uns hier um ein gutes Miteinander – bei allen begrenzten Ressourcen sicher schwer, vor allem , wenn Hunger und Not quälen – ….

Auch die Fremde ist ein von Gott bewohnter Ort – dies kann unser Trost und Zuspruch sein.

Gott möchte, dass wir aktiv werden – „suchet und betet“ – nicht abwartend mit Händen im Schoß unser Schicksal bedauernd. Dies ist schon für uns schwer, für uns, die wir ein anderes Leben führen dürfen als Menschen in jedem Flüchtlingslager. Wenn es dem Nachbarn gut geht, dem Ort, der Stadt – dann fühlen auch wir uns wohl(er). So lässt sich ein Leben in der Fremde durch Mitgestalten besser ertragen oder wird weniger fremd – neben den eben skizzierten Situationen von Menschen gilt aber dieser Satz Jeremias doch auch für jeden von uns.

Eine Stadt ist nur eine Ansammlung von Gebäuden und Straßen – besiedelt mit vielen Menschen, die durchaus sehr unterschiedlich sein können. Wie diese Stadt erlebt wird, hängt vor allem vom Lebendigen ab, weniger von der Materie, von Fassaden.

Für mich hat der Umzug aus dem Süden in den Norden ja auch ein „Leben in der Fremde“ zur Folge gehabt und es ist an mir, meine Suche, diese Fremde für mich zur neuen Heimat zu machen. In meinen Augen geschieht dies nicht so sehr durch landschaftliche Äußerlichkeiten, sondern durch soziales und christliches Miteinander. Kann ich in Otterndorf etwas tun? Jeder von uns kann das nach seinen Fähigkeiten und Begabungen und im Sinne des Gedankens: “Wenn es dem Ort (und den Menschen) gut geht, dann auch mir (uns).“ In jedem stecken so viele Möglichkeiten sich einzubringen, Gott schenkt uns so viele Gelegenheiten. Ich hoffe für die Menschen in unfreiwillig aufgesuchten fremden Orten, dass sich für sie dort eine lebbare Perspektive erschließt (ob auch lebenswert?) und sie dennoch berechtigte Hoffnung haben können, ihre Lebenslage zu verbessern. Vielleicht ist ja auch in dieser Hinsicht von uns aktives Mithelfen und Beten gefragt….

Nicht vergessen dürfen wir die andere Seite dieser Botschaft: Kommen wir in die Fremde und gestalten dort mit, dann kommen in unsere Heimat auch Fremde, die mitgestalten wollen! Lasst uns daher immer wieder Gottes Willen suchen und zu ihm beten und offen sein für Veränderungen!

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Gedanken zur Monatslosung für den September 2020

von Rosemarie Krause

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.
(2. Korinther 5, 19) (E)

Im Kapitel 5 des 2. Korintherbriefes beschreibt der Apostel Paulus unser Sein in der Welt als eines, das auf die Zukunft gerichtet ist: Hier ist Seufzen und Not, wir leben in Behausungen, von Händen gemacht. Wir leben in einem Leib, der fern ist von dem Herrn. Nach ihm aber sehnen wir uns, denn dort werden wir die ewige Behausung aus Gottes Hand um uns haben.

Wir leben im Glauben und sehnen uns danach, im Schauen zu leben. So sagt es Paulus. Wir sind in Christus und er in uns.

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung – so steht unser Monatsspruch bei Luther.

Im Vaterunser beten wir: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das meint: Tut uns einer etwas zuleide, so vergeben wir ihm. Tun wir einem anderen etwas zuleide, so bitten wir Gott dafür um Vergebung. Natürlich auch den anderen. Aber Gott ist mit im  Spiel. So geschieht Versöhnung.

Und Versöhnung tut gut nach den Schmerzen von Verletzung und Schuld. Wenn da einer sein Handeln bereut und um Verzeihung bittet, um Vergebung dieser Schuld, und wenn die ihm gewährt wird, dann ist Vergebung das Angebot der Versöhnung. Versöhnung ist mehr als ein Ausgleich der Schuld, es kann wie eine Erlösung wirken. Versöhnung führt die Menschen wieder zurück zueinander.

Und welche Rolle spielt Gott in diesem Spiel von Sünde und Schuld und Versöhnung? Ich ertappe mich dabei, dass ich überlege, wo ich denn nun eigentlich gesündigt habe, wo ich mich fehlerhaft verhalten habe. Wer definiert mir das? Wer sagt mir, was an meinem Verhalten verwerflich ist? Alles? Vieles? Immer mal wieder was? Muss ich gehandelt haben oder reicht es zu denken?

“Ich armer elender sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken…“ So steht es in Luthers Beichtgebet. Welche Gedanken? Welche Worte? Welche Werke?

Gott hat uns mit der Vertreibung aus dem Paradies die ganze Welt anvertraut. „Du hast uns deine Welt geschenkt“ haben wir vor einem Monat hier gesungen. Mit diesem Geschenk dürfen und müssen wir umgehen. Die Welt dreht sich nicht von allein, die Schöpfung braucht für ihr Gedeihen unsere Pflege. Und hier machen wir uns schuldig.

Es geht dabei nicht nur und unbedingt um persönliche Schuld und individuelles Fehlverhalten. Es geht auch um das Eingeständnis, dass wir alle, die Menschheit als Ganzes, dem uns verliehenen Auftrag nicht gerecht geworden sind. Wir haben die von Gott übertragenen Vollmachten zum vermeintlichen eigenen Nutzen missbraucht und damit offensichtlich  versagt. Und jeder von uns steckt als Teil der Menschheit mit drin, ob wir wollen oder nicht.

Manchmal hören wir über Angeklagte, dass sie erleichtert sind und aufatmen, wenn sie ein umfassendes Geständnis abgelegt haben. Ein Schuldbekenntnis hat durchaus befreiende Wirkung. Zuzugeben, wir haben etwas verschuldet und kommen alleine aus dem Sumpf nicht mehr raus, das macht alles Herumreden überflüssig. Das entlastet.

Aber vergeben können wir uns nicht selbst, Versöhnung geht nicht automatisch. Wir können nur hoffen, dass der, der uns vergeben kann, es auch wirklich tut und uns sogar neu in den Dienst nimmt. Auch wenn er und wir damit rechnen müssen, dass wir erneut versagen und uns schuldig machen an der Schöpfung und an unseren Mitmenschen. Aber auch dann dürfen wir auf die Gnade der Vergebung hoffen und uns immer wieder neu mit der Welt versöhnt fühlen.

Wie sich Versöhnung anfühlen kann, erfahren wir in folgendem Lied.    So ist Versöhnung/Wie ein Fest nach langer Trauer

Möge dein Arm nicht erlahmen,

wenn du die Hand zur Versöhnung ausstreckst.

Möge dein Fuß nie müde werden,

wenn du auf deinen Widersacher zugehst.

Mögen dir Flügel eines Engels wachsen,

wenn du von diesem Gang zurückkehrst

(Irischer Segenswunsch)

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Gedanken zur Monatslosung für den August 2020

von Reinhard Krause

Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Psalm 139, 14 

Liegt der Psalmist gerade in einer Hängematte? Freundlich schaukelnd in der Sonne und mit dem Gefühl von vollendeter Geborgenheit? Ein Gott, der überall bei ihm ist und der alles weiß von ihm und dem er nichts vormachen kann. Der ihn umgibt und seine Hand über ihn hält. Unbegreiflich. 

Oder auch bedrohlich? Weglaufen geht nicht. Der liebe Gott sieht alles und kennt mich besser als ich mich selbst. Da hilft auch nicht die Finsternis der Nacht, um etwas zu verbergen. 

Ohnehin hat der Psalmist sich nicht selbst gemacht. Leib und Seele sind ein Geschenk. Ein wunderbares dazu. Erschreckend oder besser Ehrfurcht erregend. Da kann er nur dankbar sein über dieses Werk. Das kann seine Seele erkennen. 

Ist uns heutigen Menschen das nicht fremd? Wir leben doch im Zeitalter des Anthropozäns – des von Menschen gemachten Abschnitts der Erdgeschichte. Ursachen für ein gesundes Leben sind erforscht. Geburten werden von Hebammen und Ärzten begleitet. Auch die Entwicklung wird begleitet und ständig untersucht. Von Anfang an wird beraten, was die Entwicklung beschleunigen kann. Hoffentlich hat man sich gute Eltern ausgesucht. Auch einigermaßen gebildet und finanziell gut ausgestattet. Im Lockdown konnte man beobachten, was das bedeutet. Geräumiges Haus und Garten zum Spielen. Technische Ausstattung zum Home-schooling. Oder eben nicht. Enge, eingesperrt sein und keine Chance zum Kontakt mit anderen. Als Jugendlicher erlebt man die Konkurrenz zu andern. Sehe ich gut aus? Habe ich Freunde? Bin ich sportlich? Was tue ich zu meiner Selbstoptimierung und für meinen Erfolg? Als Erwachsener stehe ich in Konkurrenz zu anderen, drehe im Hamsterrad oder gerate ins Aus. Und im Alter? Was geht noch? Tue ich genug, um fit zu bleiben? Ist nicht jeder seines Glückes Schmied?
Einschränkungen von Geburt an oder im Laufe des Lebens unweigerlich kommend. Ist das wirklich wunderbar gemacht? Die vorgefundene Welt hinnehmen und das Leben genießen – wunderbar gemacht? Menschen haben die Welt verändert, die in der Bibel Schöpfung heißt. Wer nicht Augen, Ohren und Mund zusperrt, weiß: diese Schöpfung und damit unsere Lebensgrundlage ist bedroht. Aber bin ich nicht trotzdem wunderbar gemacht? Mit der Fähigkeit des aufrechten Ganges, der geschickten Hände, der empathischen Gefühle für soziales Leben? Kann ich nicht einfach dankbar und zufrieden sein mit dem, was mich ausmacht? 

Der Psalmist kann das mit seiner Seele fühlen oder auch erkennen. Aber so recht begreifen doch nicht. Ein paar Sandkörner aus einer unendlichen Menge Sand. Aber die Gedanken Gottes, sagt er, sind viel mehr. Und dass Menschen nicht perfekt sind, dringt auch in den Psalm. Die Gottlosen töten – das ist seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, um die er Gott bittet. 

Am Ende des Psalms bleibt der Wunsch, dass Gott sein ihm nur begrenzt zugängliches Herz prüfen möge und auf ewigen Wegen leiten. 

Es ist gut für uns, wenn wir uns annehmen und darauf vertrauen, auf gutem Wege geleitet zu werden. Dafür sind wir alle wunderbar gemacht – mit einem tollen Potential. Auch wenn sich das von Mensch zu Mensch unterscheidet. Gemeinsam sind wir mit unseren Möglichkeiten stark. 

Amen 

Andacht Juli 2020

  1. Könige 19, 7

Bild: Ekkehard Drath

Gedanken zur Monatslosung für den Juni 2020

von Carolin Pappe

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder.
1.Kön 8,39 (L)

Du kennst ja die verborgensten Gedanken der Menschen und siehst ihnen ins Herz. (Gute Nachricht)

Intro: Verse 35 bis 40

„Wenn der Himmel verschlossen wird, dass es nicht regnet, weil sie an dir gesündigt haben, und sie beten dann zu dieser Stätte hin und bekennen deinen Namen und bekehren sich von ihren Sünden, weil du sie demütigst, so wollest du hören im Himmel und vergeben die Sünde deiner Knechte und deines Volkes Israel, dass du ihnen den guten Weg weist, auf dem sie wandeln sollen, und regnen lässt auf das Land, das du deinem Volk zum Erbe gegeben hast. Wenn eine Hungersnot oder Pest oder Dürre oder Getreidebrand oder Heuschrecken oder Raupen im Lande sein werden oder sein Feind im Lande seine Städte belagert oder irgendeine Plage oder Krankheit da ist – wer dann bittet und fleht, es sei jeder Mensch oder dein ganzes Volk Israel, die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen, und breiten ihre Hände aus zu diesem Hause, so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und gnädig sein und schaffen, dass du jedem gibst, wie er gewandelt ist, wie du sein Herz erkennst – denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder –, auf dass sie dich fürchten allezeit, solange sie in dem Lande leben, das du unsern Vätern gegeben hast.“

Als König Salomo diesen Satz sprach – als Bestandteil eines umfangreichen Gebetes anlässlich der Einweihung des Jerusalemer Tempels –, konnte er nicht ahnen, in welch globaler Bedeutungsdimension sein Gebet eines Tages, heute, gesprochen werden würde. Dass Gott das Herz aller Menschen kennt, genauer: das Herz all jener „die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen“ (V. 38), bezieht Salomo auf Klagen über Unglücksfälle (Krankheiten, Hungersnöte oder Kriege), die zunächst sein Volk, also Israel, treffen könnten. Und weil Gott das Herz aller Menschen genau kenne, darum möge er auch rettend eingreifen, wenn jede und jeder sich aus ganzem Herzen an ihn wende, wie groß auch immer die Not sei. Doch auch Nichtisraeliten schließt Salomo in sein Gebet ausdrücklich ein (V. 41).

Im Verständnis der Bibel gehören Denken, Fühlen, Erkennen, Handeln, Gewissen, Sehnsüchte zusammen und haben im Herzen ihr Zentrum. Wenn Salomo sagt: „Du kennst das Herz.“ Dann heißt das: Vor Gott gibt es keine Heimlichkeit, ihm kann ich nichts vormachen. Es gibt jemanden, der mich kennt und weiß, wie es in meinem Herzen aussieht.

Wie klingt dieses Gebet dreitausend Jahre später? Neben unseren Problemen der Welt wie Klimawandel und Armut und Kriege undundund ist nun ein kleines Virus hinzu gekommen und ist scheinbar in der Lage, binnen kurzer Zeit Millionen Menschen um den gesamten Globus zu infizieren und die Weltwirtschaft an den Rand des Kollaps zu bringen – gewarnt wurde hier und da vor solch einem Ereignis. Würde Salomo heute beten, dann darum, dass wir in massiven Krisenzeiten, die uns in vielen Bereichen zur sozialen Isolation zwingen, den anderen nicht aus den Augen verlieren – gerade weil wir nicht in ihn hineinschauen können.

Wie sieht es in mir aus? Wie sieht es im Herzen meiner Liebsten, meiner Freunde, meiner Nachbarn aus? Wer weiß das schon? ER!

Wir beurteilen oft andere Menschen nach dem, was unsere Augen sehen, nach Schulbildung, Verhalten – wir übersehen aber, dass es im Herzen des anderen mehr zu entdecken gibt.

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder (und: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an (Samuel)).

Der Blick zu Gott, der das Herz aller Menschen kennt, zeigt uns die Würde des/r Anderen und dass wir einander brauchen, um Mensch zu sein, auch wenn jeder Mensch ein Individuum ist.

Wenn wir uns auf diesen Bibelvers einlassen, dann kann das entspannend und erleichternd sein. Denn es gibt Tage, an denen weiß ich selbst nicht, wie ich mit mir dran bin, wie es in meinem Herzen aussieht. Und dann die Zusage: Gott kennt unser Herz. Wie tröstlich!

Und ich wünsche uns allen die Zuversicht, dass Gott unser Herz kennt, dass er weiß, wes wir bedürfen und dass er uns begleitet – an jedem Tag, auch in Krisenzeiten!

Möge uns das Gebet Salomos daher immer wieder in unserem Handeln leiten und den Blick für den Anderen nicht oberflächlich und vorschnell in ein feststehendes Urteil münden lassen.

Monatslosung für den Mai 2020:

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!

1. Petrus 4, 10 (E)

Monatslosung für den April 2020:

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.

1. Korinther 15, 42 (L)

 Monatslosung für den März 2020:

Jesus Christus spricht: Wachet!

Markus 13, 37 (L)

 

Lichtinstallation von James Turrell auf dem Dorotheenstädtisch Friedrichswerderschen Friedhof in Berlin

Gedanken zur Monatslosung Februar 2020

von Rosemarie Krause

 

Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.
(1.Korinther 7,23)

Paulus sagt also: als Christen gehört ihr Christus, der für euch mit seinem Leben bezahlt hat. Gott hat euch freigekauft. Kein Mensch, keine menschliche Gewalt kann das Sagen über euch haben, niemandem müsst ihr euch unterwerfen. Ihr seid frei, nur Gott in seiner Liebe unterworfen. Und er akzeptiert euch so, wie ihr seid. Euer Platz in der Welt ist dort, wo ihr hingestellt seid. Gott in seiner Liebe sorgt für euch. Lebt ihr in Abhängigkeit, so könnt ihr trotzdem ohne Sorge sein, denn Gott ist mit euch. Wenn ihr aber frei werden könnt, so sollt ihr die Möglichkeit nutzen. So oder so könnt ihr zu „Knechten Christi“ werden. Dann gilt für euch nur das göttliche Gesetz, nur ihm seid ihr unterworfen.

Mit dem Monatsspruch sind ja auch immer wir selbst angesprochen. Über euch, über uns, über mir ist also nur Gott, sein Gesetz, seine Liebe, seine Sorge. Was heißt das für mich? Keine weltliche Macht kann mich zu etwas zwingen, in allem bin ich nur dem untertan, was Gott von mir erwartet. Was in mich hineingepflanzt ist als, ja: als was? Als Gottes Gesetz? Als Gewissen? Als Verantwortungsgefühl den Menschen gegenüber, die neben mir und um mich herum auf dieser Erde leben? Verantwortungsgefühl gegenüber der Schöpfung?

Zu groß klingen diese Worte. Viel kleiner nehme ich mein Umfeld wahr. Was kann ich schon bewirken in meiner kleinen Welt? Muss ich überhaupt etwas tun? Kann ich nicht einfach wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel darauf warten, dass mein himmlischer Vater mich ernährt? nein, das kann damit wohl nicht gemeint sein.

Meine mir geschenkte Freiheit soll für andere erfahrbar werden. Sie verbindet mich mit meinen Mitmenschen, indem wir einander die gleiche Würde und den gleichen Wert beimessen, indem wir einander annehmen, so, wie ein jeder nun mal ist, indem wir füreinander Sorge tragen, dass jeder Einzelne ein gutes Leben führen kann, als freier Mensch mit genug zu essen und zu trinken und genug Freiheit.

Aspekte eines solchen Lebens in Freiheit und Verantwortung nehme ich bei dem Unternehmer Dirk Rossmann wahr – den ich aber nicht so gut kenne, dass ich hier für eine Heiligsprechung plädieren könnte, bei weitem nicht. Sein zentrales Thema hört sich auch nicht nach einem christlichen Bekenntnis an. Es ist das Geldverdienen nach dem Motto: Der Mensch braucht Geld, um frei zu sein. Seine Devise heißt: Viel verdienen, viel ausgeben. Sein Ansporn ist: sich nie unterordnen müssen. Großzügig und gezielt unterstützt er aber Hilfsprojekte. So auch 1991, als die Mauer gefallen war: Er brachte 10 000 Hilfspakete nach Moskau und verteilte sie dort. Die Deutschen, für viele Russen zumindest seit dem Erlebnis der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Teufel schlechthin, erwiesen sich dadurch plötzlich als Helfer. Weil einer, der genug Geld hatte, dieses nach eigenem Ermessen zum Wohle Anderer ausgegeben hat.

Wir sind in diese Welt gestellt.

Wir sind frei.

Nehmen wir in unserem kleinen Radius die Möglichkeiten dieser Freiheit wahr.

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Gedanken zum Bildmotiv für die Jahreslosung 2020

von Rosemarie Krause

Um den Glauben geht es in der Jahreslosung 2020. Dazu haben wir dieses Bild ausgewählt. Es lässt sich nicht eindeutig und zweifelsfrei deuten.

Ich sehe da einen, der am Ende seiner Kraft ist. So schwer die Last, so viele Enttäuschungen, keine Rettung. Am Ende kommt er zu Jesus. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“, sagt Jesus zu ihm. „Wie kann ich dir meinen Glauben beweisen?“, schreit der Andere und reißt die Arme hoch, rot vor Anstrengung, vor Verzweiflung. „Ich glaube doch; hilf meinem Unglauben!“   Und er macht einen Schritt nach vorn, tritt aus der Gefangenschaft der Enttäuschungen heraus, geht einen ersten Schritt des Vertrauens, in die Rettung hinein.

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Gedanken zur Jahreslosung 2020

von Carolin Pappe

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Markus 9, 24

Habe ich ausreichend Frieden gejagt? Aktiv gesucht – im Kleinen probiert? Dies hatte ich mir Anfang 2019 vorgenommen – wie fällt die Bilanz aus? Dies soll jetzt nicht geklärt werden, jeder versucht vielleicht zu Jahresende und -beginn immer wieder von Neuem, Bilanz zu ziehen, um daraus neue Wege zu erschließen – das ist gut so. Die Jahreslosung möchte in meinen Augen eine Begleiterin durchs Jahr sein und ist sie für mich mindestens durch den Spruch auf einem Lesezeichen, über das ich im aktuell gelesenen Buch „stolpere“. Auch die neue Jahreslosung wünsche ich mir als Begleitung, als Stütze – nicht nur in Form eines Lesezeichens.

Was meint also „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“, was bedeutet es für mich?

Wir lesen in der Bibel und haben gehört, dass ein verzweifelter Vater seinen Sohn von Jesus heilen lässt – weil er an ihn glaubt. Muss ich nur stark genug glauben – dann ist alles möglich?

Die Freundin, die anstelle von der gewollten Schwangerschaft von der Krebserkrankung erfuhr und die einer ungewissen Zukunft garantiert ohne Kinder entgegen blickt – zu wenig geglaubt? Der 18-Jährige, der nach dem Unfall im Morgendunkel nicht wiederbelebt werden konnte – zu wenig geglaubt? Der vergebliche Versuch, die ersehnte Arbeit zu bekommen, die Sorgen um den Sohn, der sich im fernen Ausland befindet – zu wenig geglaubt?

All unsere schlimmen Ereignisse in der Welt (wild world) von Krankheit, Krieg, Tod, die wir am liebsten abschaffen würden – wohl bin ich zu ungläubig, sehe nur den Weg, den ich für gut befinde als gangbaren Weg, will mein Leben im Griff haben, bestimmen, wo es lang geht – ohne „Schlimmes“. Aber so ist es nun einmal nicht, so geht es nicht – das ist das Leben.

Aber die Jahreslosung kann mir Hilfe im Zweifeln, im Abweichen vom Weg, im Unglauben bieten. Ins Zentrum möchte ich hier nicht die Heilung stellen, sondern das „Ich glaube“.

Glauben in diesem Zusammenhang mit Gott ist „Vertrauen“, ist Zuversicht auf sein Dasein, sein Dabeisein. Ich glaube = ich vertraue. Ich vertraue dir meine Sorgen, Ängste, Probleme und auch Schönes an und vertraue darauf, dass du weißt, was ich im Leben wirklich brauche. Ich kann vertrauen und loslassen in der Gewissheit, dass Gott da ist und es so richten wird, dass es gut ist – nicht nach meinem Maßstab und aus meiner Perspektive –ich kann mich auf Gott verlassen, auch aus der Erfahrung des Glaubens heraus, dass er mir in schwierigen Situationen ausreichend Kraft gegeben hat und im Vertrauen, dass er sie mir in Notlagen geben wird – wie wir in Bonhoeffers Bekenntnis beten werden.

Vertrauen, dass die Freundin stark genug ist, um mit ihrer Diagnose zu leben und sie anzunehmen; dass die Eltern des 18-jährigen Sohnes Kraft finden, um gute Erinnerungen und nicht nur den Verlust zu sehen, dass die ersehnte Arbeitsstelle vielleicht nicht der einzige Weg ist, sondern andere Perspektiven sich eröffnen? Dass der Sohn fernab seinen Weg finden wird. Hier kann jeder eigene Situationen überdenken ….

In der letzten Kantate des Weihnachtsoratoriums von Bach heißt es: „Du Jesu, bist und bleibst mein Freund; und werd´ ich ängstlich zu dir flehn: Herr hilf! so lass mich Hülfe sehn! …. Was will der Höllen Schrecken nun, was will uns Welt und Sünde tun, da wir in Jesu Händen ruhn?“

Nehmen wir für uns diese helfenden Hände voller Vertrauen an – er wird es gut richten.

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Gedanken zur Jahreslosung 2020

von Reinhard Krause

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Markus 9, 24

Es gab schönere Orte am Jahreswechsel 1944/1945 als die Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Alle Gefangenen sind ausgeliefert und existieren unter Bedrohung ihres Lebens durch den Staat, das nationalsozialistische Deutsche Reich. Inmitten des Keller-Gefängnisses des RSHA sitzt in einer Zelle Dietrich Bonhoeffer. Verhaftet wegen Verdachts auf Hochverrat seit dem 5. April 1943. Und nun, am Ende des Jahres 1944, schreibt er das Gedicht, das viele von uns kennen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Es endet: “Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.” 

Am 9. April 1945 wird er im KZ Flossenbürg mit anderen Gefangenen auf Führerbefehl erhängt und verbrannt. Kurz bevor die amerikanischen Truppen auch Flossenbürg befreien. Als alle Menschen in Deutschland nur noch auf die Kapitulation warten, funktioniert der Mordapparat der Nationalsozialisten noch immer wie geschmiert. Als Bonhoeffer aus Schönberg abgeholt wird zu seiner letzten Reise, sagt er dem Mitgefangenen Payne Best zum Abschied: “Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens!”  

Ganz unten erleben im Gefängnis in Berlin –Tegel oder im Keller des RSHA und glauben können. Vertrauen und Zuversicht bis in den Tod. Einsam wie Christus am Kreuz. Aber innerlich sicher bis zum letzten Augenblick des Lebens. Immer mit Haltung, mit aufrechtem Gang. 

Es gab immer Grund zum Zweifeln für uns Menschen. Die ganze Bibel berichtet davon. Katastrophen, Gewalt, Verfolgung, Unterdrückung, Zwang, Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod. Gott als Ohnmächtiger am Kreuz. Und doch die Bitte nach Glauben oder Vertrauen in das Leben? “Hilf meinem Unglauben.” Und das hilft zum Leben? 

In der jüdischen Überlieferung hilft dazu der Blick auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk. In den Evangelien braucht es die Wunder wie das der Heilung des Epileptikers in der Geschichte um unsere Jahreslosung herum. Für Paulus war es die Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus. Und für uns 2020? 

Leben ohne Vertrauen ist nicht möglich. Zurück in die Mythologie der griechischen Zeit im römischen Reich mit bösen Geistern, die Menschen überfallen und zu Kranken machen? Das gelingt nicht nur mir nicht. Die Erkenntnisse der Wissenschaft, auch der Medizin, gehören zu meinem Leben. Epileptiker erfahren Hilfe zum Beispiel in einer Klinik in Bethel bei Bielefeld. Und das ist für mich gut so. 

Aber wie erfahre ich dann Möglichkeiten zum Leben durch Glauben? Ein Leben gegen Menschen ist möglich, praktiziert rund um die Welt. Sinnvoll ist es für mich nicht. Glauben ist für mich Leben schenken zu dürfen in meinen Grenzen. Die Freiheit, mich nicht zu verbiegen und mutig zu sein, meine Überzeugung zu leben. Aufrechter Gang bis in den Tod. Gute Spuren zu hinterlassen auf der Erde. Wohin mein Weg mich dann auch führen mag. Das liegt nicht in meiner Hand. Aber ich fühle: Von guten Mächten geborgen bin ich auch dann nicht allein. 

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Gedanken zum Monatsspruch November

von Reinhard Krause

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Hiob 19, 25 

Nach Babylon um 550 vor unserer Zeitrechnung bis etwa 100 vor Christus ist das Buch Hiob entstanden. Mehrere Autoren haben Teile verfasst und der Anfang ist erst ganz zum Schluss hinzugekommen. Gott und der Satan gehen eine Wette ein: hält Hiob zu seinem Gott, egal wie es ihm geht? Der Satan erhält die Möglichkeit, alles in Hiobs Leben zu zerstören. Nur das Leben an sich soll ihm bleiben. Eine merkwürdige Wette, in der der geliebte und liebende Gott einen Anhänger zum Austesten freigibt. Was kann ein Mensch aushalten, ohne am Leben zu verzweifeln? 

Eine alte Geschichte. Und doch immer noch aktuell. Auch zu unserem Leben gehört die Möglichkeit alles zu verlieren: Besitz, Familie oder Freundeskreis, soziales Ansehen, Gesundheit, Glücksgefühl. Was bei Hiob Viehherden, viele Kinder, hohe Achtung als frommer Mann und sozialer Wohltäter und Gesundheit sind, das können wir mit gegenwärtigen Dingen ersetzen. Oft ist es ein Zusammenhang: Krankheiten, die keine Hoffnung lassen, Unglücksfälle, Rückzug des sozialen Umfelds, das soviel Unglück nicht an sich herankommen lassen kann oder will. Zusammenbruch aller Einkünfte und aller Absicherungen, allen Besitzes. Obdachlosigkeit und Einsamkeit. Für manche Menschen schon vor der Geburt: drogensüchtige Mutter, Hirnschäden durch Alkohol in der Schwangerschaft, Unfähigkeit der Eltern zur Schaffung eines sicheren Umfeldes für das Kind. Moderne Hiobsgeschichten gibt es viele. In der Literatur und in der Wirklichkeit. Die für mich grausamste ist der Holocaust. Deshalb das Bild vom Mahnmal für die ermordeten Juden Europas auf der Titelseite. Erfolgreiche Geschäftsleute, Sponsoren des kulturellen und sozialen Lebens, Hochqualifizierte und Träger der Wissenschaft und Kultur werden ebenso wie einfache Mitbürger plötzlich zu enteigneten, gejagten, vertriebenen und getöteten. Kann man da noch an einen Gott glauben? 

Den unansehnlich von Narben übersäten Hiob, dem vorher sein Besitz und seine Kinder genommen worden sind, besuchen drei Freunde. Gemäß ihrer Überzeugung straft Gott Hiob. Der soll gefälligst nachspüren, womit er all dies verdient hat. Hiob wehrt sich nach Kräften und klagt auch diesen ungerechten Gott an. Möchte nie geboren sein und endlich sterben und bringt dann diesen Satz hervor: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. 

Woher nimmt Hiob diese Zuversicht, dass Gott ihn selbst noch im Tod rechtfertigen wird? In der Hiobsgeschichte begegnet Gott Hiob als Sturmgebraus und besteht auf seine großen lebensstiftenden Werke und in Bildern zeichnet er seine unüberwindliche Macht. Er verurteilt die Freunde Hiobs für ihre ungerechten Anklagen und verlangt von Hiob, dass er ihn als Schöpfer wertschätzt. Hiob tut Buße für seine Zweifel und, da die jüdische Religion keine Jenseitshoffnung kennt, erlebt Hiob seine Heilung auf Erden. Er bekommt doppelt zurück, was er materiell verloren hat. Er bekommt wieder 7 Söhne und drei Töchter und seine soziale Achtung. Er wird uralt und stirbt lebenssatt. 

Geht das überhaupt, dass man solch traumatische Erlebnisse überwindet? Das weiß ich nicht genau. Sicher ist aber: es gibt kein Leben ohne Hoffnung: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt 

Die Hiobsgeschichte ist auch eine Abkehr von der Weisheitslehre des alten Judentums, dass ein moralisch richtiges und gläubiges Leben vor Unglück bewahrt. Nein, jeder ist nicht seines Glückes Schmied oder „schuld an seinem Unglück. Bis heute neigen Religionen zur Verurteilung von denen, die Schicksalsschläge erleiden oder lehren, dass man Gott in den Griff bekommt und sein Leben selbst durch Wohlleben positiv gestalten kann. Man kann auch nicht, wie vor der Reformation gelehrt, durch Ablass Wohlergehen Gottes erkaufen. Aber vertrauen und hoffen, das darf man. Und das stiftet gutes Leben, so meine Überzeugung. 

Amen 

Ein Lied, das von solcher Zuversicht nach Katastrophen erzählt, ist „Freunde, dass der Mandelzweig“ von Schalom Ben-Chorin von 1981 mit der Musik von Fritz Baltruweit. Es steht unter der Nummer 374 in unserem Liederbuch „Durch Hohes und Tiefes. Das möchte ich mit ihnen nun gerne gemeinsam singen. 

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Bild: Katharina Drath

Gedanken zum Monatsspruch September

von Carolin Pappe

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Matthäus 16, 26

In einem kleinen Hafen macht ein Fischer sein Nickerchen. Ein Tourist weckt ihn durch das nervige Klicken seines Fotoapparats und fragt, warum er nicht aufs Meer fahre. Da der Fischer antwortet, er sei schon fischen gewesen, fragt der Tourist, warum er nicht bei diesem tollen Wetter noch einmal hinausfahre. Mit größeren Erträgen und Ausbeute könne er Schiffe und eine Fischfabrik kaufen. Am Ende könnte der Fischer doch so reich werden, dass er nicht mehr arbeiten bräuchte und morgens in der Sonne eine Siesta machen könne. Darauf der kluge Fischer: „Aber das mache ich doch gerade, nur das Klicken Ihres Fotoapparats hat mich gestört.“

Zwar von Böll anlässlich des 1. Mai 1963 als Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, fiel mir die Geschichte beim Lesen unseres Monatsspruchs für September ein: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ oder wie dieser Satz bei Lukas heißt: „Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?“

Die ganze Welt gewinnen – reich werden durch Fischfang, der Reichste am Platz!

Die Welt gewinnen – das klingt sehr verlockend. Aber wie soll das gehen? Was ist dabei das Ziel des Menschen? Gewinn von Besitz, Ansehen, Erreichen von Karrierezielen? Oder das Bereisen verschiedener Länder, das Sicherfüllen persönlicher Wünsche, Optimierung des Körpers, Maximalzahl der Follower und Abonennten in den sozialen Medien?

Immer mehr – immer besser – immer weiter: darin können wir uns leicht selbst verlieren und folgen Zielen und sind Getriebene.

Der Nutzen steht doch bei vielen unserer Gedanken und Handlungen im Vordergrund. Was nützt es mir – stellt dabei mich ins Zentrum, ICH habe die oberste Priorität, wenn es um Entscheidungen geht.

Welchen Nutzen hätte der Fischer? Immer mehr fangen, Geld verdienen, Macht haben, damit er es am Ende schön hat, während andere für ihn arbeiten – kann bei diesem Reichwerden und Reichsein Schaden entstehen?

Jesus warnt vor „Seelenschaden durch Weltgewinn“. Es gilt zu überprüfen, was der Mensch in den Fokus seines Strebens stellt.

Lukas und Markus haben neben Matthäus fast die gleiche Geschichte gleichen Wortlauts, die jeweils im Kontext der sog. „Nachfolge“ steht, der Aufforderung Jesu, sich selbst zu verleugnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen – um sein Leben zu finden.

Diese Nachfolge steht ziemlich auf der anderen Seite einer nutzenorientierten egozentrischen Ansicht. Was ist es wirklich wert, dass ich mein Streben und meine Sehnsucht darauf richte?

Über das, was der Mensch im Außen gewinnen kann, vergisst er oft den Blick nach innen zu richten. Jesus fordert auf, die eigene Seele nicht zu vergessen. Beschädigte Seelen durch das Gewinnen der Welt, so dieses überhaupt möglich ist: burnout, Einsamkeit, Überforderung, Sucht, permanente Unzufriedenheit.

Der Fischer könnte Großfischer und Unternehmer werden, wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen im Getriebe der Wirtschaft krank werden und nicht mehr im Einklang mit dem Meer leben und auch nicht mehr seinen Frieden in der Siesta finden, da seine Seele Schaden genommen hat, er sich verloren hat – was also hätte er gewonnen?

Für mich kommt hier der Gedanke des „im Einklang leben“:

Das Thema der Nachfolge – alles stehen und liegen zu lassen – scheint mir doch sehr schwer zu sein, aber der Versuch, neben scheinbar allem Notwendigen immer zu schauen, ob es das ist, was recht ist, was vielleicht im christlichen Sinne recht ist – würde der Versuch des Einklangs unsere Seele schonen und wir nicht kaputt gehen, nicht die Welt gewonnen zu haben?

Es ist eine deutliche Verschiebung unserer Prioritäten vom Streben nach Mehr, hin zu der häufig zitierten Achtsamkeit, des leiseren Handelns und Abwägens, so dass man sich selbst noch in die Augen schauen kann.

Wer „ja“ sagen möchte zur Nachfolge Jesu, muss „nein“ sagen zur Verlockung des Weltgewinns, muss ein gutes Maß finden für ein neues Verhältnis zu den alltäglichen Herausforderungen. Dazu benötigen wir Mut, auch mal gegen den Strom schwimmen zu können, einen aufrechten Gang – wozu uns die Seele helfen kann, aufrecht zu sein.

Gegen den Strom: die Mitte unserer Andacht

Die Nachfolge schützt vor einem Seelenschaden, lassen wir doch immer mal die Seele baumeln – um Abstand zu gewinnen und besser zu wissen, wo unser Tun jetzt wichtig und richtig ist.

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Gedanken für den Monatsspruch August 2019

von Rosemarie Krause

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. (Matthäus 10, 7 E)

Das Himmelreich: Was ist das eigentlich?

Ist es die Straße gleich hier neben der Kirche?
Ist es das, was sich über uns wölbt?
Das, wohin wir gehen wollen nach dem Tode?
Das, was uns in der Natur umgibt?   – am Meer – im Gebirge – im eigenen Garten – im Wald – angesichts von Saat und Ernte  – in jeder kleinen Blüte oder in ihrem quadrillionenfachen Reichtum?
Ist das Himmelreich das, was uns in unseren Mitmenschen begegnet?
Das, was uns über unsere eigenen Grenzen hinauswachsen lässt?
Das, was uns in großer Freude beflügelt, genauso wie es uns  in tiefem Schmerz trägt?
Versucht der Kite-Surfer in unserem Titelbild dem Himmelreich nahezukommen? Oder zumindest dem Himmel?
Er beachtet den Wind und konzentriert sich auf die Technik, um über das Wasser zu jagen, den Wellen zu trotzen, in der Wende Luftsprünge zu machen. Was mag er spüren: Freiheit, die eigene Kraft im Spiel mit der Naturgewalt?
Was von all dem ist nun das Himmelreich? Oder ist es was ganz anderes?
Vielleicht kann man allgemein sagen:

Das Himmelreich ist die glückliche Welt unter Gottes Schutz.

Aber wird es so greifbarer? Wie diese Welt aussieht, das ist dann doch sehr verschieden und ist abhängig von der Wahrnehmung des Einzelnen.

            Wie sieht eure  eigene Idee des Himmelreichs aus?                       Was fällt euch zum Thema Himmelreich ein?

Jesus sagt: Das Himmelreich ist nahe. Damit hat es einen räumlichen Ort, der in Bewegung ist, auf uns zu, die wir nach ihm suchen, die es finden wollen. Wenn es dann aber direkt bei uns ist: Wie erkennen wir es? Und wie kann man dann hineinkommen in diese glückliche Welt?

Jesus hat sich hin und wieder dazu geäußert. Nach seinen Worten kann ohne Frage der in das Himmelreich eintreten, der geistlich arm ist. Genauso wird auch der den Weg hinein in die glückliche Welt unter Gottes Schutz finden, der um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird, sagt Jesus. Auch die Kinder, die zu Jesus gebracht werden, bekommen seinen Segen. Er schickt sie nicht weg, denn „solchen gehört das Himmelreich“. Sie alle werden selig werden.

Aber auch für uns alle bietet sich die Chance zum Himmelreich zu kommen. Denn jeder, der die ethischen Gebote als Kern der göttlichen Botschaft versteht und lebt, findet einen Zugang zu der glücklichen Welt unter Gottes Schutz; denn er setzt sich für Gerechtigkeit ein und  unterstützt den Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Menschen; denn er ist gütig ist und begegnet den Menschen mit Wohlwollen und Freundlichkeit. Die Richtschnur für sein (oder ihr) eigenes Leben ist in den göttlichen Geboten zu finden.

Aber mit den Geboten ist das so eine Sache! Hören wir, was Jesus dazu sagt, als die Pharisäer ihn danach fragen. Er greift Stellen aus dem Alten Testament auf: „»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«  Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,37-40)

Heißt das nicht, dass wir mit der Liebe den Weg zum Himmelreich finden, zur glücklichen Welt unter Gottes Schutz? Und ist nicht die Liebe die Mutter der Gerechtigkeit, der Güte, der Treue gegenüber den Geboten?   Was gibt es Schöneres, als diese Liebe zu leben!

Aber: Liebe – was ist das eigentlich?
Und: Wie macht man das: lieben?

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Gedanken für den Monatsspruch Juli 2019

von Reinhard Krause

Ein jeder sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Jakobus 1, 19

Ist Hass mehr als Zorn? Über Hass wird gerade viel geredet und diskutiert. Die neuen Medien sind anonym. Da kann man ohne sich offen zu bekennen andere fertig machen. Das erleben wir im politischen Bereich, wo Menschen für ihre humanen Einstellungen zum Objekt von Hass werden. Nun auch schon ermordet. Angst soll erzeugt werden. Das Maul gestopft. Die Hassprediger wollen die Oberhand in der öffentlichen Meinung gewinnen. Und lieben es, sich in der Opferrolle zu präsentieren. Man wird doch noch sagen dürfen. Und wo bleibt eigentlich die Meinungsfreiheit?  

Wo beginnen Konflikte zwischen Menschen? Durch Neid? Oder auch durch das Miteinander-Umgehen? Die Gesetze der Kommunikation? Eine Botschaft wird gesendet. Aber völlig verschieden empfangen. Das gilt im kirchlichen Bereich auch für die Predigt. Kommt da nicht bei vielen Gottesdienstbesuchern etwas völlig Verschiedenes an? Aber überaus Witziges passiert oft im Alltag. 1983 veröffentlichte der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick ein vielgelesenes Buch: Anleitung zum Unglücklichsein. Darin steht auch die Geschichte mit dem Hammer: „Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reichts mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an. Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ 

Vielleicht ist der Verfasser des Jakobus-Briefes jemand, der um 100 nach Christi Geburt für alle christlichen Gemeinden eine Anleitung zum Glücklichsein schreiben möchte. „Ein jeder Mann sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ Genau zuhören, verstehen, darüber nachdenken und dann etwas Angemessenes sagen. Und auf Zorn verzichten. Der richtet nichts Gutes aus. In der Therapieausbildung habe ich gelernt: Zuhören, vorsichtig wiedergeben, ob ich alles verstanden habe. Warten, dass der Hilfesuchende vertieft erklärt, was er spürt. Das führt hinein in den Kern, verscheucht die Angst, macht heil. Zorn und Belehrung verschließen das Gegenüber und machen alles viel schlimmer. 

Der Brief des Jakobus gehört ebenso wie das Matthäus-Evangelium zur Literatur der judenchristlichen Gemeinden an der ersten Jahrhundertwende. Heiden werden nicht mehr ausgeschlossen, der Ritus wie die Beschneidung oder die Essregeln sind zurückgetreten. Aber das jüdische Ethos hat in Abgrenzung zu Paulus eine höhere Bedeutung. Handeln ist nicht gleichgültig. Das Gesetz ist nicht aufgehoben. Nicht allein der Glaube, sondern auch das Tun rechtfertigt den Gläubigen vor Gott. Im Zorn geschieht nichts, was vor Gott richtig ist. Sanftmut predigt der Text in der Annahme des Wortes, was in die Christen gepflanzt ist und die Kraft hat, sie selig zu machen. 

Und gleich danach kommt das Wort aus dem Jakobusbrief, das auf unserem Kanzellektor steht und das man bei langweiligen Predigten immer lesen kann: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; Christliche Gemeinden haben eine Ausstrahlung und Anziehungskraft, wenn ihre Handlungen beeindrucken. Das gilt auch noch heute: Friedliches und freundliches und geduldiges Zuhören. Überlegtes Reden ohne Zorn und Hass und Hochmut. Das beeindruckt so wie der Satz von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Amen 

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