Andachten zum Monatsbeginn2019-01-07T11:23:14+00:00

Andachten zum Monatsbeginn   Tropfen bild zu den Andachten

Innehalten – Ruhe finden – Impulse mitnehmen – Gemeinschaft entdecken

Die Andachten zum Monatsbeginn finden an jedem ersten Freitag des Monats statt. Um 18 Uhr in der St.Severi Kirche. Die aktuellen Termine finden sich auf dieser Website unter Aktuelles –> Termine.  Thema ist immer ein kurzer Bibeltext, meist der jeweilige Monatsspruch. Dazu passend werden Lieder gesungen, Gebete und Psalmen gesprochen und Gedanken vorgetragen.

Ein bis zwei Wochen vorher werden die Andachten vorbereitet. Wer sich dazugesellen möchte, ist herzlich eingeladen. Nähere Informationen bei Rosemarie Krause unter Tel. 04751-5724.

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Am 4. Januar 2019 fand die feierliche Andacht zum Jahresbeginn statt. In vier Wortbeiträgen näherten wir uns der Jahreslosung an.

 Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34, 15)

Gedanken zur Jahreslosung für das Jahr 2019

Pastor Thorsten Niehus:

Suche Frieden und jage ihm nach!
Die Jahreslosung stammt aus den frühen Tagen Israels. Als man den Unterschied zwischen Glaube und Religion noch kannte. Auf der einen Seite das tiefe Vertrauen, dass Gott die Menschen beschützt. Auf der anderen Seite die Warnung vor Religion, die letztendlich bedeutet, dass Menschen sich selber anbeten. Die bekannteste Geschichte dazu ist der Tanz um das Goldene Kalb, einem aus menschlichem Reichtum zusammengebastelten Götzen. Die Menschen beten lieber das goldene Kalb an, weil Gott so unnahbar erscheint und der Glaube an ihn so schwierig ist. Da scheint es besser, sich selbst und seine eigenen Werke, seinen eigenen Willen anzubeten.

„Darum ist menschliche Frömmigkeit eitel Gotteslästerung und die allergrößte Sünd, die ein Mensch tut“, sagte Martin Luther in seiner Auslegung des ersten Gebotes: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Karl Barth, der Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, sagte kurz und knapp: Religion ist Unglaube.

Suche Frieden und jage ihm nach! Diese Worte aus dem 34. Psalm sind kein Allerweltssatz, wie seinerzeit der Schlager „Ein bisschen Frieden“ von Nicole.

Nein, die Worte „Suchen“ und „jagen“ weisen darauf hin, dass äußerste Konzentration und Leidenschaft nottut. Selbstdisziplin ohne „Wenn“ und „Aber“. Doch bei dieser Jagd soll keine fremde Beute erlegt werden, sondern die hoffnungslos in sich selbst verliebte, zu Nächstenliebe unfähige eigene Seele. Nicht in erster Linie das leicht zu belächelnde „Amerika first“ der anderen. Nein, sondern meine tief in der menschlichen Seele verankerte Einstellung: Unterm Strich zähl ich.

Und wehe, das stellt jemand infrage. Dann fühle ich mich als Opfer der anderen und habe erst recht das Recht, mit meinen Wünschen mit der Tür ins Haus zu fallen und die Anliegen der anderen beiseite zu wischen. Genau darum finden wir im 34. Psalm der Bibel, unmittelbar vor der Jahreslosung, die Worte:  Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

Konzentration und Leidenschaft. Selbstdisziplin ohne „Wenn“ und „Aber“. „Der alte Adam muss täglich ersäufet werden,“ sagt Martin Luther.

Will ich das?
Will ich zurückstecken mit meinen eigenen Gedanken, Wünschen und Interessen? Meine Ängste und meine Machtphantasien im Zaum halten?
Will ich den anderen, gerade auch den, der mir fremd ist, als gleichermaßen von Gott geliebten und liebenswerten Menschen annehmen?
Oder lieber doch meine eigene Religion pflegen: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich? Das Abendland durch Abschiebung retten. Per Gesetz oder mit dem eigenen Auto direkt hinein in die Menschenmenge?

Die Jahreslosung 2019 stellt mich vor eine Glaubensentscheidung, vor der ich mich nicht drücken kann. Glaube ich Gottes grenzenlose Liebe oder hänge ich der eigenen, selbstverliebten, den anderen abwertenden Religion an?
Suche Frieden und jagt ihm nach!

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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Prädikant Reinhard Krause:

Suche Frieden und jage ihm nach!

Andere Kinder meiner Generation brachte der Storch.

Bei mir war das anders. Papa, so hieß es, habe mich aus dem Krieg mitgebracht. Also aus einer anderen Welt als der, in der ich nun lebte. Gemeint war die Rahmung der Kriegszeit durch die Zeugung meiner Schwester kurz bevor mein Vater mit den Hamburger Polizeitruppen ins gerade angegriffene Polen aufbrach, um dort für deutsche Ordnung zu sorgen. Und meine Zeugung nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Internierungslager für SS-Angehörige in Regensburg Ende 1947. Acht Jahre dazwischen, die mit Frieden nicht zu umschreiben waren.

Als ich vier war, zog die Familie in Kassel zusammen. Der Weg vom Bahnhof zur neuen Wohnung war noch von Kriegstrümmern gesäumt: erste Bilder vom Krieg. Und der Spielplatz für meinen neuen Freund aus dem 2. Stock und mich war das Trümmergrundstück gegenüber. Wir spielten dort ungerührt von der zerstörten Umgebung „Schrebergarten“ mit Spielschaufeln und Spielrechen. Was wir wohl gepflanzt haben?

Sonntag früh im Elternbett. Mit einem Spazierstock und Bettdecken entsteht ein Zelt. Papa erzählt darin vom Krieg. Ich erschrecke. „Papa, hast du Menschen erschossen?“ „Das weiß man nicht.“ Die Antwort hinterlässt Fragezeichen in meinem Kopf. Noch gibt es keine Bunderwehr, keine deutschen Soldaten. Nur Besatzer. Nette Amerikaner. Amerikanische Zone – Hessen steht auf den wenigen Autokennzeichen.

Aufgewachsen bin ich dann im Zonengrenzgebiet in Fulda. Zeltlager der Gemeindejugend neben Stacheldraht und Minenstreifen an der Grenze zum früheren Thüringen. Dort herrscht der Russe und unterdrückt die Menschen. Wir leben in Freiheit und nun auch im Wohlstand. Mutter schickt Päckchen nach drüben. Ist eine Wohltäterin mit Bohnenkaffee und Schokolade.

Es gibt wieder Wehrpflicht. Auf beiden Seiten des Zauns. Nationale Volksarmee und Bundeswehr. Grenztruppen der DDR und Bundesgrenzschutz. Eben noch haben Deutsche gemeinsam 20 Millionen Tote und verbrannte Erde in Russland hinterlassen. Nun richten sie die Gewehre und andere Waffen aufeinander.

Mir kommen Zweifel und Gewissensbisse. Muss ich nicht mit Wolfgang Borchert „nein“ sagen zu Krieg und Gewalt? Gibt es nicht andere Wege zum Frieden als Abschreckung? Hat Jesus nicht dem Petrus das Schwert verboten und am Kreuz das andere Leben gewonnen. Kriegsdienstverweigerung hieße das. Das Gewissen auf den Tisch legen, damit eine Kommission darüber befinden kann. Aber reicht es „nein“ zu sagen zu Gewalt im Angesicht der historischen Verbrechen des eigenen Volkes überall und insbesondere gegen alle, die sie zu Juden erklärten? Zum auszurottenden Juden, der an allem Unglück der Welt schuld sein soll? Braucht es dagegen nicht Gegenmacht und Widerstand? Kann man nach Auschwitz ohne solche Waffen leben? Darf ich mich nur verweigern?

Ich entscheide mich trotzdem zur Absage an militärische Gewalt. Im Magistratssitzungssaal in Fulda wird mir das Recht zugesprochen, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern. Stadtgespräch in Fulda. An der Namenstafel für die Schüler meiner Schule, die den Tod im letzten Krieg gefunden haben, wird mein Verhalten als mögliche Alternative in der Gedenkfeier gewürdigt.

In Vietnam tobt der Krieg. Wälder werden chemisch entlaubt. Menschen werden in ihrem Erbgut geschädigt. Opfer bis heute. Und immer mehr amerikanische Soldaten kommen tot im Plastiksack zurück in die USA.  Im Politikunterricht soll ich mein Verhalten begründen. Mein Freund Wolfgang hält das Gegenreferat. Nach der Stunde kommt er zu mir: „Du hast recht. Ich werde auch verweigern!“  Mit Aktion Sühnezeichen reist er nach Israel. Pflegt Opfer des Holocaust in einem Altenheim in Tel Aviv. Kommt heim mit vielen versöhnlichen Geschichten. Auch solchen der Alten von der so geliebten und verlorenen Heimat Deutschland. Immer mehr Jugendliche verweigern den Kriegsdienst. Zivildienstleistende werden zu einer sehr begehrten Unterstützung in den sozialen Einrichtungen des Landes. Auf dem Weg zu Frieden.

Heute ist alles anders. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt. Dienst in der Bundeswehr freiwillig und für langfristig Engagierte mit Fachkenntnissen. IT und Cyber-war. Die grausamen Kriege woanders. Hilflos sehe ich im Fernsehen zu. Und erschrocken bin ich über das Wachsen von Nationalismus und Hass überall auf der Welt. Wie jage ich heute dem Frieden nach?

Wir hören das Lied vom Universal Soldier.

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Carolin Pappe:

Gedanken zur Jahreslosung 2019

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

Die Weihnachtsbotschaft, die noch ganz präsent ist, passt ja hervorragend zur Jahreslosung. In den zurückliegenden Advents- und Weihnachtstagen begegnete mir in Konzerten und Andachten Jesus als der Friedensbringer …

Da hieß es: „Jesus in der Krippe ist der Frieden.“

Im Choral „Brich an du schönes Morgenlicht“ heißt es weiter „ …dass dieses schwache Knäbelein soll unser Trost und Freude sein, dazu den Satan zwingen und letztlich Frieden bringen.“

Jahrelang stand über dem Hauseingang meiner Kindheit, den wir auch in den Weihnachtstagen wieder sahen, ein Spruch, den wir täglich Ein- und Ausgehenden gar nicht mehr wahr genommen haben: „Die zum Frieden raten, schaffen Freude.“ – aus den Sprüchen entnommen.

Und da erschrecke ich plötzlich: kürzlich in einem Gespräch mit Schülern, in dem es zum Einen um die Nachkriegszeit ging und zum Anderen um die derzeitigen Probleme auf der Welt wie Klima, Aufrüstung, Migranten, Umwelt äußere ich, dass ich mir vorstellen kann, dass wir in Europa in diesem Jahrhundert noch einen Krieg erleben werden – die Schüler sind betroffen und wir kommen auf diese Thematik in den folgenden Tagen immer wieder zurück. Hätte ich zum Frieden raten müssen?

Wenn wir nichts tun, wenn alles so weiter laufen wird, dann steht uns das vielleicht wirklich bevor. Dies wäre eine fatalistische Betrachtung und ein passives Hinnehmen.

Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden – in den Weihnachtsworten des Herrn Niehus hieß es: „Es reicht nicht, auf Frieden zu hoffen, man muss sich auf die Socken machen“

Ja, genau – Frieden muss aktiv gejagt werden, womöglich auch gesucht, weil er sich versteckt. Aber hilflos werde ich, wenn ich die großen Probleme der Welt anschaue und denke, wie kann ich da was tun?

So meine ich, dass wir dann doch im Kleinen, in der Nähe damit anfangen können – immer wieder im Versuch des friedlichen Zusammenlebens mit den Nächsten. Mitmenschlichkeit hilft und die Weihnachtsbotschaft mit ins Leben, ins neue Jahr nehmen – Jesus ist der Frieden. Gandhi wird zugeschrieben: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg.“ Und diese kleinen Schritte der Mitmenschlichkeit bei vielen Menschen sind der friedliche Weg und schaffen dann auch Freude.

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Rosemarie Krause:

Suche Frieden und jage ihm nach!

Beim Einkaufen vorgestern lief ich einer Freundin, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte,  zwischen Waschmittelregalen über den Weg. Ich steckte in den Vorbereitungen der Neujahrsandacht, sagte ich ihr. Worum es denn gehe. Um die Jahreslosung 2019. „Suche Frieden“ –  ein zustimmendes, fast seliges Lächeln bahnte sich an. „und jage ihm nach!“
Und jage ihm nach!! – das ist mir nicht friedlich genug! war ihre “entrüstete” Reaktion. Nichts war übrig von Zustimmung und Seligkeit. Man jagt doch dem nach, was man erlegen will. Da ist doch feindliche Gesinnung drin.
Ich versuchte es nun anders und beschrieb das Plakat, das wir für die Andacht ausgesucht hatten: Einer bewegt sich mit großen Laufschritten durchs Bild, in den vorangestreckten Händen einen Ölzweig. Dann hat er den Frieden doch schon, meinte die Freundin. Was muss er ihm noch nachlaufen?

Kann man Frieden haben, ihn wie einen Ölzweig in den Händen halten? Ist er dann da? Muss er nicht geteilt werden mit anderen, nachdem man ihn als Angebot überbracht hat? Frieden kann man nicht allein haben, er kann nicht einseitig sein. Er braucht ein Gegenüber, ein Miteinander.
Und was ist eigentlich Frieden? Einfach nur die Abwesenheit von Krieg, draußen in der Welt und hier bei uns zu Hause, in der Familie? Ein Internet-Lexikon definiert:

Frieden ist im heutigen Sprachgebrauch der allgemeine Zustand zwischen Menschen, sozialen Gruppen oder Staaten, in dem bestehende Konflikte in rechtlich festgelegten Normen ohne Gewalt ausgetragen werden.

Die Schlüsselbegriffe sind in rechtlich festgelegten Normen / ohne Gewalt. Nur so kann Frieden  geschaffen und erhalten werden. Nicht in Rechtlosigkeit und nicht mit Gewalt. Und doch sehen wir in der Welt zu viele, die Gewalt anwenden, weil sie meinen, damit Probleme lösen zu können.  Die sich anmaßen, Vorrechte zu recht genießen zu dürfen, auf Kosten der Unterprivilegierten. Die nicht den Ausgleich wollen sondern den Krieg.

Wie können wir ihn erjagen, den Frieden, wenn Beunruhigung oder Krieg droht? Hilft uns die Hilfestellung des Internet-Lexikons weiter:

Frieden ist das Ergebnis der Tugend der „Friedfertigkeit“ und damit verbundener Friedensbemühungen.

Frieden durch friedfertige Friedensbemühungen. Klingt verdreht, drückt aber aus, was ich glaube:

Frieden schaffen ohne Waffen! Keine Gewalt!
Aber auch keine Tatenlosigkeit, kein Hinnehmen von Ungerechtigkeit, Unfrieden und Krieg. Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz. Und das alles immer wieder. Denn der Frieden ist flüchtig, ist nicht etwas, was man für immer haben kann.
Jage ihm nach. Erringe ihn ohne Gewalt. Immer wieder neu.

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen“,  sagt Jesus in der Bergpredigt.

Wie aber kann ich Frieden stiften?

Was kann ich tun, wenn der 50Jährige mehrfach in Gruppen von Ausländern hineinfährt?
Und was, wenn Jugendliche zu Mobbing-Opfern werden?
Und was, wenn Politiker, angetrieben vom Hass ihrer Wähler, über die Köpfe und Seelen anderer Menschen hinweg Macht ausleben?“

Gibt es eine Antwort auf diese Frage?