Andachten zum Monatsbeginn   Tropfen bild zu den Andachten

Innehalten – Ruhe finden – Impulse mitnehmen – Gemeinschaft entdecken

Die Andachten zum Monatsbeginn finden an jedem ersten Freitag des Monats statt. Um 18 Uhr in der St.Severi Kirche. Die aktuellen Termine finden sich auf dieser Website unter Aktuelles –> Termine.  Thema ist immer ein kurzer Bibeltext, meist der jeweilige Monatsspruch. Dazu passend werden Lieder gesungen, Gebete und Psalmen gesprochen und Gedanken vorgetragen.

Ein bis zwei Wochen vorher werden die Andachten vorbereitet. Wer sich dazugesellen möchte, ist herzlich eingeladen. Nähere Informationen bei Rosemarie Krause unter Tel. 04751-5724.

Die Corona-Krise unterbrach die Andachten zum Monatsbeginn. Seit Juni 2020 finden sie wieder statt.

Andacht zum Monatsbeginn Juli 2022

Gedanken von Ute Mushardt

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Psalm 42,3

Ich möchte den Spruch gern in Zusammenhang mit dem zweiten Teil des Verses 3 betrachten:

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu Dir.

Nach Wasser lechzen ist zwar ein altmodischer Begriff, aber jeder von uns hat diese Situation bestimmt schon einmal erlebt. Gerade zu dieser Jahreszeit:

                Sommer. Es ist heiß.

                Wir haben Durst.

                Da tut eine Quelle gut.

                Sie erfrischt, schenkt Abkühlung, löscht den Durst.

Man fühlt sich in dieser Situation richtig durstig, fast ausgetrocknet und schlapp. Nach großen körperlichen Anstrengungen macht uns ein Schluck frisches Wasser wieder lebendig und erfrischt unsere Lebensgeister und gibt uns neue Kraft.

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel, ohne Wasser gibt es kein Leben, wird das Wasser knapp oder ist es verunreinigt, ist das eine der größten Gefahren für uns.

In der Bibel ist Wasser deshalb auch ein Sinnbild für alles Lebendige und damit auch für Gott. Gott ist die Quelle des Lebens. Er schuf alles Leben und letztlich ist er es, der uns das Leben schenkt.

                Manchmal hat auch die Seele Durst.

                Durst nach Gemeinschaft, Liebe, Frieden.

                Durst nach Gott.

                Gott ist wie eine Quelle.

                Denn er ist lebendig.

Im Hebräischen heißt das Lebendige übrigens übersetzt „Ava“.

Der Psalmbeter ist augenscheinlich in Not, aber nicht durch äußerliche Probleme, sondern es ist seine Seele, die Durst hat, Durst nach gelingendem Leben.

„Was betrübst Du dich, meine Seele,

und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken,

dass er mir hilft mit seinem Angesicht.“

Für mich klingt es, als sei der Durst so groß, dass sein Leben in Gefahr ist. Er klagt Gott seine Sorgen und ist sich gleichzeitig gewiss, woher er Hilfe erwartet. Aus seinen Worten lassen sich Verzweiflung und Zuversicht gleichermaßen herauslesen. Der Beter vertraut auf Gott. Er ist sich sicher: Was mir fehlt, finde ich bei Gott. – Aber er ist auch ehrlich und sieht derzeit nicht, in welcher Weise ihm Gottes Hilfe zuteilwird.

Wie geht es uns in unseren schwierigsten Lebenssituationen, in unseren persönlichen Durststrecken?

Kennen wir nicht auch diese Zweifel in uns:

Wo bist Du mein Gott?  Hat Gott uns vergessen?

Gerade angesichts der vielen Naturkatastrophen, der Zerstörungen, Überschwemmungen, der Seuchen und Kriege. Kommt da nicht immer wieder die Frage:

Wo bist du, Gott?

Nicht jeder kann dann mehr darauf vertrauen, dass wir auch in der größten Not nicht allein sind. Wie schnell kommen da Zweifel auf und die Glaubensgewissheit wird brüchig.

Aber der Psalmbeter hält sich genau daran fest.  Auch wir dürfen Gott um Hilfe bitten, ja um Hilfe schreien, dass er uns Kraft zum Weiterleben gibt. Wir müssen nicht alles mit uns allein ausmachen.

Gott gibt uns Gemeinschaft, meine Seele sehnt sich nach Gottes Gegenwart, bei ihm finden wir Geborgenheit, Verständnis, Anerkennung, Glück, Gesundheit und Gerechtigkeit.

Oft schon in meinem Leben, wenn ich nicht mehr weiterwusste, hat Gott mir einen neuen Weg aufgezeigt, auf dem ich mein Leben weitergehen konnte. So durfte auch ich die Erfahrung machen, dass Gott wie ein Fels ist in einer Brandung, an dem ich mich festhalten kann, damit ich nicht ertrinke. Ich kann mich auf „Ihn“ verlassen, er ist eben ein lebendiger Gott, kein Götzenbild und keine Einbildung.

Ich habe Gott erfahren durch besonders liebevolle Menschen, die sich um mich sorgen, die Gott mir letztlich über den Weg geschickt hat, um mich zu leiten (begleiten) und zu führen.

Darum brauchen wir Gottes Liebe und Zuversicht, wie das Wasser zum täglichen Leben. Dieses Geschenk erhalten wir umsonst, wenn wir es wollen und zulassen und uns danach sehnen.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir,

dich zu sehen, dir nah zu sein.

Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,

nach Liebe, wie nur Du sie gibst.

Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir.

Wir hoffen auf dich, sei da, sei uns nahe, Gott.

Andacht zum Monatsbeginn Juni 2022 

Gedanken von Rosemarie Krause

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod.

Hoheslied 8, 6

Liebe und Tod: Beide stehen für das Unausweichliche, das Elementare im Leben. Sie wirken auf uns als Naturgewalten, regellos, nicht von uns zu beeinflussen.

Liebe und Tod: die helle und die dunkle Seite unseres Lebens.

Das Buch Prediger und das Hohelied  im Alten Testament befassen sich mit diesen beiden Themen.

Das Hohelied selbst ist dabei durchgehend von erotischen Liebesliedern gekennzeichnet – ein Bezug zu Gott ist nicht erkennbar. Die Liebe stellt sich hier dar als zügellos, frei von Vorschriften, unabhängig von gesellschaftlichen Regelungen, ohne moralische Verbote. Der menschliche Körper ist Quelle von Genuss. Alles, was zählt, ist die Liebe, sind die Momente des Genusses, ist auch die Sehnsucht danach. Körper, Geist und Seele spüren sich dem anderen nah. Liebe als körperliche Sehnsucht, von der man sich nicht freimachen kann. Auch wenn das Gegenüber dieser Liebe gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, wenn es homoerotische Gefühle sind oder durch Ehe oder Konvention Schranken bestehen.

Das geliebte Gegenüber ist einfach verehrungswürdig. Kann es sich mir nicht hingeben, so bleibt mir meine Sehnsucht, denn Ansprüche habe ich nicht. Meine Liebe ist Verehrung und Werbung und es ist das Höchste, wenn ich darin Erfüllung finden kann, wenn mein Geliebter oder meine Geliebte  sich mir genauso entgegensehnt. Was mir geschieht, wenn ich so liebe, lässt sich nicht zügeln oder lenken. Ich bin dann von dieser Naturgewalt durchdrungen.

Was hat die Beschreibung solcher Gefühlswelten in der Bibel verloren, wird sich mancher fragen. Wird Liebe hier nicht eigentlich ins Göttliche erhoben?

In der Entstehungszeit des Hohelieds, also zur Zeit des Predigers Salomo, war eine solche Gefahr der Vergöttlichung des erotischen Erlebens nicht zu erkennen, denn der Gottesglaube war unangreifbar die Basis von allem. Eine Welt ohne Gott war kein Thema. In dieser Welt war andererseits Platz für die Auseinandersetzung mit Ereignissen, mit Gedanken und Gefühlen. Platz für die Liebe, Platz für den Tod.

Tod ist Tod. Liebe ist Liebe. Gott ist Gott.

Liebe ist stark wie der Tod. Beide durchdringen unser Leben, wir haben keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen.

Liebe im Sinne des Hoheliedes erhält ihr Gütesiegel durch Faszination vom anderen, durch Hingabe an ihn und durch die Ehrlichkeit der Gefühle ohne Scham. Sie ist das Bekenntnis zueinander. Die Partner garantieren sich gegenseitig in den Siegeln ihre Echtheit, sie haben Teil an der Identität des anderen, im Handeln (Armsiegel) und im Gefühl (Herzsiegel). Das Liebessiegel bietet außerdem noch Schutz durch seine Funktion als Amulett: Unglück und Krankheit sollen fernbleiben, Lebenskraft und –freude soll sich vergrößern. Das Amulett als Hilfe zu einem erfüllten Leben.

Ein Bezug zu Gott ist im Hohelied nicht zu erkennen, habe ich am Anfang gesagt. Es geht um erotische Liebe.

Als Naturgewalt aber steht sie hier, wie auch der Tod, als ein Teil der göttlichen Schöpfung.

Dazu noch Gedanken von Dietrich Bonhoeffer:

LIEBE IST STARK WIE DER TOD

Einen Kampf gibt es in der Welt, der ohnegleichen ist, in
den jeder mit einbezogen ist, ein Krieg der höchsten
Gewalten: der Krieg des Todes gegen die Liebe, der Liebe gegen
den Tod, zwei Gegner, die in ihrer Hoheit einander würdig
sind, aber die Liebe ist stark wie der Tod (Hoheslied 8, 6 b); denn
sie ist aus Gott. Auch der Tod ist von Gott, er hat seine Gewalt
nicht aus sich, sondern durch Gott, darum nur kann er der
Liebe trotzen, darum aber muss er auch der Liebe unterliegen,
weil er nur das Vorläufige ist, vor dem Letzten, weil Gott nicht
der Tod, sondern die Liebe ist. Der Tod ist stark über die Welt;
er reißt Wunden, die nie mehr ganz heilen, … er vermag das
Gewaltigste, was es gibt, denn er vermag liebende Herzen zu
trennen, er vermag zu siegen über die Liebe in dieser Welt.
Aber die Liebe ist stark wie der Tod. Der Tod ist stark über die
Welt, die Liebe aber ist stark für die Ewigkeit. … Gott schuf die
Menschen ineinander von Ewigkeit her. Freund und Freund,
Gatten und Gatten, er schuf sie dass der eine seine Seele durch
den anderen fände und läutere, dass sie nicht mehr zwei sondern
ein Leben lebten aus der Liebe.                     Dietrich Bonhoeffer  

(Quelle: Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Band 10, Seite 524)

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Andacht zum Monatsbeginn Mai 2022 

Gedanken von Reinhard Krause

Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht. 3.Joh.2 

Wenn ich mich mit einer Losung befasse, dann reicht mir ein rausgerupfter Satz meist nicht ganz aus. Ist der nicht aus einem Zusammenhang gerissen? Der Blick in die Erklärungsbibel führt auf Seite 1805. Und dann ist der Brief auf Seite 1806 auch schon zuende. Der gute Wunsch steht fast im ersten Satz, in der Eröffnung, und ist auch ohne großen Zusammenhang. Ja, es gibt wohl Ärger in der Gemeinde und Gajus leidet unter Männern, die sich stark in den Vordergrund schieben. Wohl nicht im theologischen Sinne des Briefschreibers, der ein Freund des Gajus ist. 

Bei jeder Begegnung mit einem anderen Menschen ist es uns wichtig einzuschätzen, wie es ihm wohl geht. Wohl auch körperlich, aber viel wichtiger ist, ob er gut drauf ist. Ausgeglichen, fröhlich oder bedrückt, traurig, verängstigt. Offen für mich oder verschlossen. Es gehört zu den menschlichen Fähigkeiten, ein Gespür für das Gegenüber zu haben. Wo es mir oder dem Gegenüber daran fehlt, ist die Welt nicht in Ordnung. Es kommt zu Missverständnissen, Konflikten, Verletzungen.  

Der Verfasser des Briefes wünscht dem Empfänger Wohlergehen. Und das in jeder Hinsicht. Geht ja auch kaum anders. Störungen sind ja oft genug psychosomatisch. Ein Erlebnis schlägt uns auf den Magen. Eine medizinische Diagnose überschattet unser Wohlgefühl. Gegenwärtig prägen Nachrichten und Bilder wie die aus der Ukraine und aus Putins Moskau unsere Stimmung: Brutaler Terror, Mord, Bomben, Raketen, Atomsprengköpfe, biologische Waffen, Chemie: die Drohung mit dem Ende des gewohnten Lebens. Junge Menschen in unserem Land fürchten sich vor Krieg und Klimakatastrophe. So steht es in einer Studie, die in dieser Woche veröffentlicht wurde. 

Was unser seelisches Gleichgewicht aufrecht erhält, sind menschliche Bindungen. Aber auch die sind ja verletzlich, zerbrechlich. Nicht wenige Menschen sind einsam. Die Suche nach einer, einem, irgendwas, was da helfen kann, gestaltet sich schwierig. Für den Verfasser des Briefes ist es vermutlich Jesus, der Gott, der als Mensch da ist, leidet wie alle Menschen, Unrecht und Hass erfährt, stirbt und dann doch in anderer Form weiterlebt. Nicht tot zu kriegen. Orientierungspunkt, Sinnstifter, Geschichtenerzähler. Einer, der Bilder der Wirklichkeit malt, die uns auch heute in völlig veränderten Zeiten noch berühren und erreichen können. Und unserer verwundeten Seele Ruhe gibt. 

Am nächsten Sonntag werden in Osterbruch die ersten Konfirmandinnen und Konfirmanden des aktuellen Jahrgangs konfirmiert. Jede und jeder hat sich einen Segensspruch ausgesucht, der für sie oder ihn ganz wichtig ist.  Nein, die Teenies sind modern, ganz in der Zeit und in dem Wissen, dass sie Gott nicht anfassen können. Er ist der ganz Andere, der Unverfügbare. Aber eine Sehnsucht, einen Wunsch fürs Leben finden und ihm nachstreben, das können Menschen, auch Teenies. Und das tun wir auch, jeden Tag aufs Neue. 

Ich habe mir deshalb meinen Konfirmationsspruch vom März 1963 herausgesucht. Er stammt aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 10, Vers 12: „Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es.“ Die Jünger werden ausgesandt, um zu missionieren. Damit habe ich bis heute nicht aufgehört. Es ist mir nicht gleichgültig, was in dieser Welt geschieht. Das gilt bis heute. Und so hat wohl jeder und jede von uns ein Anliegen. Das macht uns ausgeglichen und frei. 

Amen 

Die Andacht zum Monatsbeginn April fand in der Kirche statt.

Gedanken von Carolin Pappe

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. Johannes 20, 18

Maria von Magdala ist es, die den Jüngern erzählt, dass sie Jesus gesehen hat und sie ist es,
die den Auftrag von Jesus bekommen hat, die Nachricht von seiner Auferstehung weiter zu
sagen. Um etwas besser zu verstehen, in welcher Situation Maria ist lese ich das Kapitel 20
bis zum Monatsspruch:

Johannes 20, 118:
1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war,
zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da läuft sie und
kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht
zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht,
wo sie ihn hingelegt haben. 3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie
kamen zum Grab. 4 Es liefen aber die beiden miteinander, und der andere Jünger lief
voraus, schneller als Petrus, und kam als Erster zum Grab, 5 schaut hinein und sieht
die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. 6 Da kam Simon Petrus ihm nach
und ging hinein in das Grab und sieht die Leinentücher liegen, 7 und das Schweißtuch,
das auf Jesu Haupt gelegen hatte, nicht bei den Leinentüchern, sondern daneben,
zusammengewickelt an einem besonderen Ort. 8 Da ging auch der andere Jünger
hinein, der als Erster zum Grab gekommen war, und sah und glaubte. 9 Denn sie
verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste. 10 Da
gingen die Jünger wieder zu den anderen zurück.
Maria Magdalena
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie
sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu
Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. 13 Und
die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn
weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Und als sie das
sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15
Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der
Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du
ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie
sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 17 Spricht
Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh
aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und
eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria Magdalena geht und
verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt
habe.

Was erlebt Maria innerhalb kürzester Zeit?
Ein leeres Grab, ungläubige Jünger, die selbst nachschauen wollen und resigniert wieder
gehen, eine Begegnung mit zwei Engeln, die mit ihr reden, ein Gärtner, der sich als Jesus
herausstellt und sie darf ihrer Freude darüber, dass er lebt, nicht Ausdruck verleihen und ihn
umarmen, wird zurück gewiesen „Rühr mich nicht an!“ und erhält einen Auftrag und wird
weggeschickt. In den letzten Tagen so viele Empfindungen und Erlebnisse
wie ging es ihr wohl mit all dem?
Maria ist hier die wichtigste Auferstehungszeugin so wie sie zwei Tage vorher neben Jesu
Mutter Maria Augenzeugin des Todes geworden war. Bei Johannes Evangelium ist sie nun
allein auf dem Weg zum Grab und allein konfrontiert mit der Leere, so fixiert auf den Verlust,
dass sie den Auferstandenen nicht erkennt und dies gar nicht für erwartbar halten kann.
Doch dann wird sie zur ersten Botschafterin der Auferstehung und zur Verkünderin der
Himmelfahrt Jesu.
Nicht Petrus steht im Zentrum, sondern Maria ist auserwählt, ihn direkt zu erleben, die
Osterbotschaft zu verkünden die am stärksten trauerte, weinend am Grab zurück bleibend.
Maria eine Frau: in einer männerdominierten Zeit, als Frauen in der Rechtsprechung
nicht mal als Zeugen auftreten durften, als eine Männerstimme mehr
Gewicht hatte als viele Frauenstimmen zusammen.
Zudem Maria aus Magdala, einem sündhaften Ort, sie ehemals Prostituierte, Jesus heilte sie
durch das Vertreiben sieben böser Geister.
Die beiden Jünger innerer Kreis verstehen noch nicht, was das leere Grab bedeutet.
Maria darf nicht zum Kreis der Zwölf gehörend die Botschaft empfangen, darf aber nicht
berühren, der zweifelnde und etwas am Rande stehende Thomas (ein Mann) wird später
aber zur Berührung aufgefordert.
Frauen damals galten als nicht glaubwürdig hier erscheint v. a. aber Maria als authentisch
in ihren Gefühlen und ihrem Verhalten. Im Gegensatz dazu ist das Wettrennen der beiden
Jünger ein Geltungsstreben, sich in Szene setzen von Erwachsenen?
Jesus wendet sich am Rande stehenden zu, auch nach seinem Tod, die Hoffnung der
Auferstehung gilt für alle!

Wer hat eigentlich bei uns was zu sagen? Auf wen wird gehört?
Politiker oft Männer, erwachsen
Wirtschaftsunternehmer, oft Männer, erwachsen
Kirche Hauptamtliche, Erwachsene, Männer?
Weiße Männer?
Und Kinder? Migranten? Am Rande der Gesellschaft stehende?
Ebenso wie Maria treten auch Kinder authentisch auf, äußern ehrlich was sie denken, fühlen,
ohne ein zweites Gesicht.
So wie Maria als unreine und Frau ein erste Zeugin und Botschafterin wurde können wir
Menschen am Rande der Gesellschaft mitdenken lassen, hineinnehmen oder zu ihnen hinaus
gehen und auf ihre Stimme hören? Für eine gerechtere Welt? Für eine hoffende Welt?
Wenn nicht ein einzelner weißer Mann seine Macht demonstriert, sondern viele Kinder,
Frauen, Alte was sagen und entscheiden würden, dann wäre der Krieg schnell beendet und
nicht begonnen worden.
An Gott zu glauben in leichten Zeiten verlangt uns wenig ab.
In schwierigen Zeiten, mit Hadern, Angst wie Maria Magdalena, wieder zu innerem Glauben
und Festigkeit zu finden, ist zum einen Arbeit und zum anderen Geschenk Gottes, das er uns
ohne Gegenleistung gibt und ich für uns alle erbitten möchte.

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Die Andacht zum Monatsbeginn Februar 2022 finden Sie –>  hier.

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Andacht zum Jahresbeginn 2022

am 7. Januar 2022 um 18 Uhr in der Sankt Severi Kirche

Jahreslosung 2022: Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen (Johannes 6, 37)

Orgelvorspiel: Choralbearbeitung “Wie schön leuchtet der Morgenstern” von Niels Wilhelm Gade          (Kai Rudl an der Orgel)

Votum und Begrüßung: Schön, dass Sie da sind. Wir haben Sie eingeladen, Sie haben sich auf den Weg gemacht, denn Sie sind auf der Suche und sind jetzt hier. Wir wollen mit Ihnen über die Jahreslosung nachdenken und Perspektiven für das neue Jahr gewinnen.

Die Losung für das Jahr 2022 lautet: Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Das ist eine Einladung mit einer Zusage: wir werden nicht abgewiesen werden.
Wie sieht das aus bei Ihnen? Sicher sind Sie schon mal irgendwo abgeblitzt,  bei irgendwem. Sie wollten jemandem etwas mitteilen oder von ihm etwas erbitten oder Sie brauchten gar Hilfe – und der oder die Andere wies Sie zurück! Ließ sie im Regen stehen.
Oder Sie selbst haben jemanden vor den Kopf gestoßen, der etwas von Ihnen haben wollte. Wie hat sich das angefühlt? In beiden Fällen nicht so gut, glaub ich.

Ich freue mich, wieder  Klaus Volkhardt und Jan de Grooth bei uns begrüßen zu dürfen, die uns musikalisch unterstützen werden. Zusammen mit Kai Rudl werden sie die Musikakzente im Ablauf setzen.

Schauen Sie jetzt bitte das Bild zur Jahreslosung an. Wir stehen in einem blau-dunklen Raum. Lichtschein erreicht uns aus einer geöffneten Tür. Im hellen Raum hinter dieser offenen Tür sehen wir Wein und Brot, erreichbar für uns, die Symbole für das Blut und den Leib Christi. Der Griff dieser Tür ist eigentlich zu groß. An einer Kette über der Tür hängt ein dazu passender übergroßer Schlüssel, gehalten im Unsichtbaren. Der obere Teil des Schlüssels ist ein Kreuz, ein Kreuz, das uns so perspektivisch sehr nahe gekommen ist. Die Tür steht offen, der symbolhaltige Schlüssel ist zum Greifen nah, das Bild sagt intensiv: Ich erwarte dich. Komm her zu mir. Hier ist gut sein.

Soeben, am Anfang dieser Andacht, haben Sie eine Choralbearbeitung zu dem 500 Jahre alten Kirchenlied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ gehört. In der 4. Strophe heißt es: Herr Jesu, du mein trautes Gut, / dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut / mich innerlich erquicken. / Nimm mich freundlich / in dein Arme und erbarme / dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

Diese Einladung, diesen direkten Weg zu Gott für alle und jeden, gab es aber nicht immer. Zur Zeit Jesu trennte ganz konkret eine Reihe von Barrikaden und schließlich ein Vorhang uns unheilige Menschen vom heiligen Gott dahinter. Auf einem Absatz zwischen den Treppenstufen, die damals zum Tempel in Jerusalem hinaufführten, befand sich ein jüdisches Tauchbad, eine „Mikwe“. Man musste auf der einen Seite seine Kleider ablegen, in das rituelle Wasserbecken hineinsteigen, untertauchen und konnte dann, gereinigt und in neue Kleider gehüllt, auf der anderen Seite weitergehen bis zum inneren Tempelbereich. Wer diesen Vorschriften nicht entsprach, kam nur bis in den Vorhof. In das Innerste des Tempels aber, dorthin, wo nach religiöser Auffassung Gott wohnte, wo der Vorhang hing, kam überhaupt niemand. Nur einmal im Jahr durfte den Raum dahinter der Hohepriester betreten. Als Jesus starb, zerriss der Vorhang im Tempel. So erfahren wir es in den Evangelien. Der Weg zu Gott ist dadurch freigeworden.
Wer zu Jesus kommt, den wird er nicht abweisen. In alle Ewigkeit nicht. (Rosemarie Krause)

Lied       Meine Hoffnung und meine Freude – HuT 134

Psalm 36  6Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
8Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Jahresanfangsgebet         

Der Stern über der Krippe erlosch, die Heilige Nacht versank, das Jahr geht fort.
Herr, lass es dein Jahr fortan sein, durch das ich gehe, geleitet an deiner Hand, als jemand, der dein Licht gesehen hat.
(nach Johann Christoph Hampe)

Lied     Nun lasst uns gehn und treten – EG 58, 1-3 und 13-15

Gedanken zur Jahreslosung:

Ludwig Feltrup: Ob uns der Himmel wohl barmherzig gewesen ist im vergangenen Jahr? Jesus hatte es ja versprochen in der letzten Jahreslosung (Lk. 6,36): Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Es gibt hier keine Bedingung wie: Der Vater ist nur dann barmherzig, wenn ihr es auch seid. Eher ist es andersherum: Der Vater ist barmherzig, also seid ihr es bitte auch. Aber ist er denn barmherzig gewesen zu uns im letzten Jahr?

Das kann nur jede und jeder von Ihnen selber entscheiden. Und manchmal ist es ja so, dass wir die Barmherzigkeit lange nicht erkennen können. Wir sehen das, was ist, und rätseln herum, warum das so ist und warum wir das bekommen. Es kann lange dauern, bis wir einen Sinn erkennen, wenn überhaupt.  Ich bin dann oft erstaunt, wenn Menschen auch in weniger Schönem noch Barmherzigkeit erkennen, ja, eine Zuwendung Gottes.

Wie ist das für Sie?

Nicht jede Barmherzigkeit gleicht der anderen. Und nicht jede Barmherzigkeit erkennen wir auch als solche. Zuwendungen Gottes sind nicht immer leicht zu deuten. Manchmal werden sie missverstanden. Wir haben dann nur eine Möglichkeit, nämlich: Jesus zu glauben. Der Barmherzigkeit des Vaters zu vertrauen und – selber barmherzig zu sein, ohne Wenn und Aber. Lassen wir einfach das gegenseitige Aufrechnen von Schuld und Fehlern sein. Wir müssen die ja nicht gleich lieben, die angeblich an uns schuldig geworden sind. Aber wir können barmherzig sein.

Schon wer das Aufrechnen sein lässt, zeigt sich barmherzig; zu sich und anderen. Tragen wir unseren Missmut nicht immer zu den anderen. Tragen wir ihn doch zu Jesus selbst. Der hat wieder ein Versprechen für uns, auch in der Losung für dieses neuen Jahr 2022. Da sagt Jesus (Joh. 6,37): Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Vielleicht ist das ein wichtiger Hinweis für unsere Arten und Weisen, mit anderen Menschen zu leben.

Lasst uns erst einmal zu Jesus gehen. Das klingt ein wenig seltsam, merke ich selber, vielleicht etwas bieder. Aber ich meine es wirklich so.

Lasst uns erst einmal zu Jesus gehen mit unserem Ärger, dem Missmut und unseren Wünschen nach Heimzahlen. Bevor wir in die Gefahr geraten, unbarmherzig zu werden, lasst uns einmal noch einhalten, sozusagen, ein Gebet lang einhalten und überlegen: Könnte ich auch anders sein? Vielleicht weniger schroff, weniger verschlossen – dafür aber etwas gelassener, vielleicht sogar mit ein wenig Heiterkeit? Nein, leicht ist das nicht. Wir leben ja oft in bestimmten, lange geübten Mustern. Oder wir haben die Muster anderer übernommen. Meistens hilft uns das, sonst täten wir es ja nicht. Aber manchmal hilft es eben auch nicht.

Um das genauer zu erkennen, könnte es wirklich eine Hilfe sein, im Zweifelsfall einige Augenblicke oder auch länger bei unserem Herrn zu verweilen und zu überlegen: Ist es gut, was ich jetzt vorhabe? Wäre Jesus damit einverstanden?

Erbarmen wird gerne empfangen, aber oft nicht gerne gegeben. Weil Jesus das weiß, bittet und verspricht er uns: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Wer Rat sucht bei Gott, wird ihn bekommen. Wer Momente der Ruhe sucht bei Gott, wird sie bekommen und dann überlegter handeln. Das lohnt doch wirklich, sich darauf einzulassen. Also lasst es uns doch einfach versuchen!

Musik: „Tie a yellow Ribbon round the old oak tree“ (Klaus Volkhardt + Jan de Grooth)

Carolin Pappe und Ute Mushardt: Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Joh. 6, 37
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Erinnerst du dich noch? Letztes Jahr zu dieser Andacht haben wir uns mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn beschäftigt, da ging es um Barmherzigkeit.

Nun sind wir schon wieder in diesem Text – diesmal geht es um das Abgewiesenwerden oder das Nichtabgewiesensein. Der Sohn macht sich aus seiner            Notlage heraus auf, um zurückzugehen – ein schwerer Weg, der viel Überwindung gekostet haben muss. Aber der Weg lohnt sich, der Vater weist ihn nicht ab!

Und dann ist da noch der Bruder, der aus unserer Sicht zu recht wütend und sauer ist. Sein Vater geht zu ihm und bittet ihn, die Rückkehr des Bruders mitzufeiern, aber er kann das nicht:
Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

Wir weisen wohl manches Mal auch Menschen ab, wir können sie nicht uneingeschränkt annehmen, jeder von uns wird wohl solche Momente erinnern ….
Gott weist nicht ab – hier kommen wir zur Jahreslosung 2022:

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Oder, anders übersetzt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinauswerfen. – hier spürt man, dass es nicht eine fröhlich-freundliche Einladung Jesu ist, der von uns gern gehörten Liebe Gottes zu allen Menschen. So schauen wir etwas genauer in das sechste Kapitel bei Johannes, aus dem die Jahreslosung stammt:

Erzählt wird hier vom Wunder der Speisung der 5000. Jesus macht mit fünf Broten und zwei Fischen eine sehr große Menschenmenge satt. Die Jünger werden zur Austeilgemeinschaft und geben weiter, was Gott vermehrt hat.
Doch dann kippt die Stimmung: Diejenigen, die satt geworden sind, wollen Jesus zum „Brotkönig“ machen – wie großartig wäre es denn, wenn derjenige, der mit so wenig so viele Menschen satt machen kann und dann auch noch zahlreiche Reste einsammeln lässt, unser König wird? Es würde keinen Hunger mehr geben.

Jesus entzieht sich dieser Erwartung zunächst, in dem er sich zurückzieht. Doch die Menschen lassen nicht locker und gehen ihm nach. Dann erzählt
Jesus, weshalb er das „Brot des Lebens“ ist und was das bedeutet.
Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht um Speise, die
vergänglich ist, sondern um Speise, die da bleibt zum ewigen Leben.

Wie können wir uns um diese Speise aber bemühen? Wir wollen gern das Brot des Lebens erhalten, es verspricht uns ewiges Leben, wenn wir
glauben. Glauben aber ist suchen und sich auf den Weg machen.

Nach einem Herrn Maslow gibt es – dargestellt in einer Pyramide – verschiedene Bedürfnisse, die wir haben und deren Erfüllung notwendig ist, um Bedürfnisse auf einer höheren Ebene verwirklichen zu können. Erst wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind (Nahrung, Kleidung, Wohnung), können wir uns – gesättigt – mit anderen Dingen befassen. Jesus stillt hier zuerst das Grundbedürfnis nach Nahrung, dann aber müssen wir uns selber auf den Weg machen, aktiv werden, versuchen zu glauben.
Der Glaube selbst aber ist auch Gottes Werk und auch ein Gezogen werden, nicht nur ein
sich ziehen lassen, hier verlangt es unsere Aktivität, aber auch ein sich darauf einlassen, was
Gott tut und mit uns vorhat.
Ich bin das Brot des Lebens. …. So wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist
das Brot, das vom Himmel gekommen ist. … Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.

Der „Brotkönig“ wäre nicht der gestorbene und auferstandene Christus geworden. Menschen hätten eventuell dauerhaft zu essen gehabt, aber der eigentliche Hunger wäre geblieben.
Letztlich rettet Jesus mit seiner vordergründigen Abweisung seinen weiteren Weg zum „Brot des Lebens“.

Wir bleiben in unserer Suche und unserem Leben klein und unvollkommen, wir schaffen es
nicht, Menschen nicht abzuweisen, wir sind nicht immer einladend.

Die Kraft und Stärke unserer Jahreslosung liegt aber darin, dass Jesus es nicht
tut, er weist niemanden ab, der zu ihm kommt, niemals!

Musik: “Ruby” (Klaus Volkhardt + Jan de Grooth)

Reinhard Krause: Das Menschenbild, das sich in der Geschichte der jüdischen Religion entwickelt hat, bekennen wir ja auch in unserem Glaubensbekenntnis: Gott als Schöpfer. Schöpfer auch jedes Menschen. Jeder ist gewollt: Ob in unseren Augen geniale oder behinderte Menschen vor uns stehen: sie sind von Gott gewollt, seine Kinder. Das ist großartig. Das sind ohne den religiösen Bezug gesprochen die Menschenrechte, die in unserem Land auch gesetzlich jedem Menschen zustehen. Zumindest theoretisch. Im Alltag muss darum oft gerungen werden.

In den meisten Ländern der Erde gilt so etwas nicht. Und aus unserer Geschichte wissen wir, wie schnell die Menschenrechte vom Tisch sind. Behinderte werden zu lebensunwertem Leben und landen in Gaskammern. Juden werden ausgeschlossen, verfolgt, enteignet, verschleppt, vernichtet. Sinti und Roma auch. Homophile Menschen oder auch nur Andersdenkende erleiden das gleiche Schicksal.

Aktuell ereignet sich viel Grausames immer noch rund um den Erdball.

Das Brot des Lebens, von dem in der Umgebung unserer Jahreslosung im Johannesevangelium gesprochen wird, ist auch heute nicht immer im Vordergrund der Überlebensstrategie von uns Menschen. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ heißt es bei Bertold Brecht in der „Dreigroschenoper“. Das Brot des Lebens muss man sich erstmal leisten können. Aber es ist da. „Alles was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen;“ heißt es in unserer Jahreslosung.

Die Suchenden können kommen. Sie sind eingeladen und werden nicht abgewiesen. Nicht abgewiesen bei der Suche nach einem guten Leben. Nach den Spuren des Himmelreichs mitten unter uns. Aber Offenheit für Neues muss schon sein. Fertige Hassgefühle, abgeschlossene Weltbilder ohne Fragezeichen haben hier keinen Platz. Auch in unserem Land, aber nicht nur hier, toben ja wahnwitzige Mobs mit Gewaltbereitschaft durch die Lande. Mal müssen Zugewanderte oder Flüchtlinge als Feindbilder herhalten, mal wunderbar wirksame Impfstoffe als Waffen von Feinden bekämpft werden. Menschengruppen wie Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und erneut auch die Juden werden aktuell angefeindet und mit Terror überzogen.

Für mich fordert die Jahreslosung nicht dazu heraus, Gruppen zu tolerieren, die unsere Erde zur Hölle machen, Angst und Hass schüren. Die müssen solange vor der Tür bleiben, wie sie nicht hungern nach einem neuen, gemeinsamen Leben. Dann aber sind sie alle willkommen. Im Johannesevangelium bei Jesus. Und in unserer Kirchengemeinde als Gemeinschaft der Heiligen, wenn sie mit uns auf der Suche nach Sinn und Gerechtigkeit sind.

Und wir selbst dürfen schreien und rufen in unserer Sehnsucht nach Angenommensein und Geborgenheit, wie es auch das nun folgende Lied erzählt:

„You’ve got a friend…“ Amen

Musik: „You’ve got a friend“  (Klaus Volkhardt + Jan de Grooth)

Fürbittengebet
Vaterunser
Segen      

Lied     Von guten Mächten (EG 65, HuT 27) 

 Jahresrückblick des Kirchenvorstands

Herzlich willkommen an Sie alle und ein gesundes, gutes und neues Jahr wünsche ich Ihnen im Namen des Kirchenvorstandes. Wieder ein Neujahrsempfang, der anders läuft als wir es jahrelang durchgeführt haben – mit Gemeindegesang, Buffet – zusammengetragen von vielen Gemeindegliedern, Begrüßung der neuen Gemeindeglieder und ein gemütliches Beisammensein, um uns bei guten Gesprächen mehr kennenzulernen.
Corona hat uns nach wie vor fest im Griff. Wer hätte das gedacht? Ich nicht – Ostern war ich noch der Meinung, “es wird alles besser”
Jetzt gibt es Perspektiven für das neue Jahr 2022 Corona.
Wieder ein Wortspiel. Wofür könnte Corona stehen? Z.B.:

C – wie CHANCE oder Chancen nutzen. Die eigene Sichtweise ändern. Die Chance nutzen, in sich hineinzuhören, was brauche ich alles. Will ich wirklich alles wieder haben: Stress mit vielen Terminen, keine Zeit haben für wichtigere Dinge im Leben. Die Chance nutzen, vielleicht so noch mehr über uns und unsere Mitmenschen gelernt zu haben. Was brauchen meine Nachbarn, Freunde? Vielleicht einfach nur Zuwendung oder Hilfe den eingeschränkten Alltag zu überstehen. Die Chance nutzen, etwas verändern.

O – wie OPTIMISMUS. Optimismus, dass wir diese unwirkliche Zeit überstehen. In meiner täglichen App “Ich brauche Segen” las ich die letzten Tage: “Gott gebe dir Flausen in den Kopf, Schmetterlinge in den Bauch und Liebe in dein Herz”. Ich habe für mich hinzugefügt: und einen gesunden Optimismus, um trotz alledem mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen.

R – wie RÜCKSICHT. Rücksicht auf unsere Mitmenschen, nicht nur bei der Einhaltung der sich ständig ändernden Hygienemaßnahmen, sondern auch hier ein Wortspiel: zuRÜCK wollen wir sehen mit Dankbarkeit, dass wir trotzdem oder besonders wegen Corona neue Formen der Gottesdienste feiern durften, diese kennengelernt haben und vielleicht in unser Repertoire aufnehmen, wie z.B. der Gottesdienst am Küchentisch oder einmal eine Online-Andacht, wie es der Andachtskreis gemacht hat. Oder vielleicht auch nur etwas mehr Zeit für sich selber haben.
Das war RÜCK, jetzt kommt die SICHT. Die Sicht wollen wir jetzt aber noch nach vorne richten, denn zuRÜCKblicken bringt uns nicht weiter. Wir wollen sehen, was wir sonst noch schaffen, was müssen wir noch erledigen, anpacken, weiterentwickeln oder auch zu Ende bringen.

O – wie OFFENHEIT – Offenheit gegenüber jedem und sich selbst eingestehen, auch einmal traurig, genervt oder verzweifelt zu sein. Offenheit heißt, auch andere Meinungen zu akzeptieren. Offenheit zeigen bei neuen Formen der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege.

N – wie NÄCHSTENLIEBE ist für mich Zuwendung, Hilfe für Menschen in schwierigen Zeiten. Diese Nächstenliebe haben sicher einige von uns erfahren, durch Einkaufsservice, mit Hilfestellung bei Quarantäne Zeiten, verbringen von gemeinsamer Zeit oder einfach nur “DA”sein.

A – wie AKTION “HOFFNUNG” das Hoffen; Vertrauen in die Zukunft; Zuversicht in Bezug auf das, was die Zukunft bringen wird. Ich hoffe auf viele schöne Begegnungen mit Ihnen, den Gemeindemitgliedern, den Neubürgern – ob alt ob jung – und dankbar sein, dass wir gesund sind und hoffentlich bleiben.

ODER NUR KNAPP UND KURZ:

Ich nehme die Chance wahr, optimistisch in das neue Jahr 2022 mit Rücksicht auf alle Belange in unserer Gemeinde zu gehen. Ich hoffe, auf ihre Offenheit, das auszusprechen, was Ihnen auf der Seele liegt und ihre Sorgen und Nöte mit uns als Kirchenvorstand zu teilen. Mit Nächstenliebe von jeder bezogen und für jede Person sehe ich dem neuen Jahr 2022 in der Aktion “Hoffnung” entgegen.

Ich möchte mich bedanken beim Team des Andachtskreises, das auch im letzten Jahr jeden Monat eine Andacht (11 x Mal bereits) zum Monatsbeginn gestaltet hat. Die Mitmachenden haben sich auch zwischendurch auf ein neues Format – Online-Andacht – eingelassen und auch jetzt zu Beginn des neuen Jahres sind sie wieder aktiv dabei. Vielen Dank.

Bedanken möchte ich mich beim gesamten Kirchenvorstand und den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern, die alle auch im letzten Jahr unter erschwerten Bedingungen Kirchenvorstandsarbeit geleistet haben. Immer wieder galten geänderte Hygienevorschriften, die die Arbeit im Kirchenvorstand nicht einfacher gemacht haben.

Bedanken möchte ich mich im Namen des gesamten Kirchenvorstandes, dass SIE uns treu geblieben sind. SIE sind hier, weil Sie Kirche nach wie vor für wichtig halten.

Ich wünsche Ihnen im Namen des Kirchenvorstandes ein gutes neues Jahr. Bleiben Sie gesund

(Silke Becker)

 

Orgelnachspiel: Fanfare D-Dur von Nicolas Jacques Lemmens

(Kai Rudl an der Orgel)

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2021 – Andacht zum Monatsbeginn – Dezember

Monatslosung: Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.                             (Sacharja 2, 14)

Gedanken von Rosemarie Krause

Wie heißt du? Wo wohnst du? Wer bist du? Darf ich mal mit? – Das war die etwas nervige Kontaktaufnahme eines frisch zugezogenen Nachbarskindes in meiner Kindheit.

Komm, wir wohnen zusammen, in zwei möblierten Zimmern in derselben Wohnung. – Dieser Plan mit meiner Freundin bei Studienbeginn versprach gegenseitige Unterstützung, Wohnwärme und gleichzeitig Eigenständigkeit. So fing mein Wohnen außerhalb des Bauernhofs meiner Familie an. Der Schutz dort hatte sich nach den glücklichen  Jahren der Kindheit in Enge und Bevormundung gewandelt.

Später wohnte ich allein und genoss es, nicht fremdbestimmt zu leben und immer nach draußen zu können, zu studieren, zu erleben, Freunde zu haben.

Dann die Wohngemeinschaft: Ich musste meinen Einzug dort quasi beantragen, mich bewerben. Große Freude, als man mich nahm! Wir waren sechs, Studierende und Arbeitende, und für das gemeinsame Leben dort gab es Regeln, die einzuhalten waren: Einkaufen, Kochen, Putzen. Die gegenseitige Akzeptanz war wichtig, Rücksichtnahme. Nach Möglichkeit teilten wir auch Erlebnisse miteinander. Wenn es jemandem schlechtging, durfte er sich bei den anderen ausweinen. Wenn jemand seine Ruhe brauchte, musste das kein Problem werden, aber wenn einer mal ganz laut Musik hören wollte, war das auch begrenzt möglich. Als wir eine neue Mitbewohnerin suchten und sich eine Frau vorstellte, die mit Magersucht zu kämpfen hatte, ging das demjenigen, der bei uns den Ton angab, zu weit: wir seien keine therapeutische WG. Er setzte sich durch. Als wir bemerkten, dass ein Mitbewohner schwul war, stellte ich fest, dass das schöne Ziel, tolerant zu sein, noch nicht ganz erreicht war, aber ich bemühte mich.

Miteinander wohnen war gar nicht so leicht. Und als es bei mir aufs Examen zuging, zog ich dann doch lieber aus, um konzentrierter arbeiten zu können.

In unserem Bibeltext geht es zwar auch ums Zusammenwohnen, aber es ist doch ganz anders: Es ist beileibe kein Antrag, den Gott stellt, um bei den Menschen zu wohnen. Man kann das auch nicht einfach ablehnen. Nein: Er wird als König kommen, aber nicht als Herrscher, sondern als Helfer. Der Prophet Sacharja kündigt ihn dem Volk Israel an: Die Menschen, die nach 50 Jahren Knechtschaft in Babylon nun in ihr eigenes Land zurückkehren durften, bauen unter großen Mühen ihren Tempel wieder auf. Immer wieder verlässt sie der Mut und die Kraft, an dem großen Werk weiterzuarbeiten. Sacharja malt ihnen ein Hoffnungsbild: Der Tempel, das ist nicht nur ein lebloses Stück aus Holz und Stein, nein – Gott selbst wird in diesen Tempel einziehen. Er wird damit zeigen, dass Juda als sein Volk weiter zu ihm gehört, dass es sein besonderes Eigentum ist. Viele Völker sollen sich zu ihm wenden und sein Volk sein, aber seine Wohnung wird im Tempel des Volkes Israel sein.

Anders als in meiner WG wird Gott natürlich das Regelwerk setzen, aber nicht als Despot, sondern als liebender Gott, demütig und gerecht. Die Menschen, bei denen er wohnt, können Gefühle und Alltagserfahrungen miteinander und mit ihm, Gott, teilen. Sie können bei ihm Geborgenheit, Sicherheit, Heimat finden. Das Regelwerk aber, die 10 Gebote und das Gebot der Nächstenliebe, bleiben dabei nicht außen vor. Angst vor Kontrolle könnte entstehen. Zugleich mit dem Gefühl von Aufgehobensein.

Sacharja sprach damals zum Volk Israel. Wie würden wir uns fühlen, wenn er das zu uns sagte? Was würde sich bei uns, bei mir ändern, wenn ich wüsste, dass Gott bei mir wohnen will? Würde ich anders lieben und Rücksicht nehmen, wenn ich merke, dass auch auf mich anders Rücksicht genommen wird und dass ich geliebt werde? Würde ich mit festen Füßen im Leben stehn? Würde Ängstlichkeit bei mir wachsen, Angst vor Kontrolle? Oder vielleicht doch  Geborgenheit, Sicherheit und Wohlbefinden?

„Freue dich und sei fröhlich, (du Mensch)…! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.”

Oder: Ich weiß, wie du heißt.
Ich weiß, wo du wohnst.
Ich weiß, wer du bist.
Ich komm mal mit und wohn bei dir. Freu dich!

Amen

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2021 – Andacht zum Monatsbeginn – November 

Monatslosung: Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und die Geduld Christi. 

2. Thessalonicher 3.5

Gedanken von Reinhard Krause

Zwei Briefe an die Thessalonicher finden sich in unserer Bibel, die beide behaupten von Paulus verfasst zu sein. Bibelwissenschaftler halten das für Fake.  Die Inhalte und die Sprache stimmen nicht überein und stammen aus verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Überzeugungen. Der erste Brief stammt wohl von Paulus, der Thessaloniki auf seinem Missionszug durch Griechenland gestreift hat, aber dort nicht lange blieb. Die Stadt war feindselig und er zog weiter. Er war aber neugierig, was von seinem Auftreten geblieben war und schickte Timotheus nach Thessaloniki, der gute Nachrichten zurückbrachte: es gibt eine christliche Gemeinde! Aber auch Fragen. Wann kommt endlich der uns versprochene auferstandene Christus und was passiert mit denen, die nun schon gestorben sind? Um 50 nach Christus schickt Paulus Zuversicht: alle verstorbenen Christen werden auferweckt und beteiligt an der neuen Welt. 

Der zweite Brief stammt aus dem 2. Jahrhundert und teilt die Naherwartung der Wiederkunft Jesu nicht mehr. Es wird dauern. Es gibt Erwartungen, was vorher noch passieren muss. Und es gibt Kritik an Gemeindegliedern, die es zu Paulus’ Lebzeiten nicht gab. Nämlich an solchen, die die Endzeit für gekommen ansehen, nicht mehr arbeiten und es sich gemütlich machen. Aussteiger. 

Der Monatsspruch steht in einer Wunschliste. Dem realen Absender scheint es nicht gut zu gehen. Er wünscht sich ein Gebet für die eigene Gemeinde, in der der Glaube lebendig sein soll wie in Thessaloniki und sie soll von falschen und bösen Menschen befreit werden, „denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“ So die Luther-Übersetzung. Der Glaube ist also nicht selbstverständlich. Kein Selbstläufer und umstritten. Und dann kommt dieser Satz: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.“ 

Die Menschen sollen, so lese ich das, also geduldig warten auf die Wiederkehr des Christus, die so wenig absehbar ist für die Christen wie die Hoffnung der jüdischen Gläubigen auf den Messias. Und solange sollen sie ihr Leben auf die Liebe Gottes ausrichten. Was das bedeutet und was das Wort Gott bedeutet und wie im Angesicht der Nöte dieser Welt dessen Liebe erkennbar ist, wird nicht ausgeführt. Durch die Geschichte der Christenheit und die Geschichte des jüdischen Glaubens, zu dem sich der Jude Jesus bekannte, gab es und gibt es ganz unterschiedliche Antworten der Menschen, die Gott für sich erfahren haben. Für mich gehört die Hoffnung dazu, dass diese ungerechte Welt mit Hungernden und Dürstenden nicht das letzte Wort ist. Sondern meine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Sättigung aller erfüllt werden wird.  

Danach sieht es rein faktisch nicht aus und die Erkenntnis, dass unsere Lebensgrundlagen, von Christen liebevoll Schöpfung genannt, in Gefahr sind, wie die laufende Weltklimakonferenz in Glasgow zeigt, ohne dass es nach einer ernsthaften Wende aussieht, ist auch kein ermutigendes Zeichen. 

In der Süddeutschen Zeitung wird heute zu ihrem 100. Geburtstag Margot Friedländer zitiert: Die Zukunft mache ihr Sorgen, sagt sie, „die Welt ist so verrückt und schrecklich.“ Aber sie werde weitermachen, und das gebe ihr Hoffnung. „Ich habe das Gefühl, ich werde etwas hinterlassen, mein Leben hat einen Sinn gehabt.“ 

Was diese genau heute 100 Jahre alte Jüdin, die ihre Kindheit in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wohlbehütet in Berlin verbracht hat und 1942, als sie von der Zwangsarbeit nach Hause kommt, ihre Mutter und den 16 Jahre alten Bruder, die von der Gestapo verhaftet wurden, nie mehr gesehen hat, da sie in Auschwitz getrennt und getötet wurden. Diese Jüdin, die sich 2 Jahre obdachlos in Berlin zu verbergen sucht, ehe sie 1944 doch noch aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert wird. Diese Jüdin, die 1946 als Überlebende nach New York auswandern kann und mit ihrem Mann eine Existenz aufbaut und im Alter von 89 Jahren zurückkehrt nach Berlin, um Jugendlichen in den Schulen ihre Lebensgeschichte zu überbringen, damit das Leiden nicht umsonst war: Sie macht mir Mut auch immer neu weiterzuleben. 

Ich bin ich immer noch auf der Suche nach diesem Gott der Liebe und des Lebens. Ich habe nichts dagegen, dass mein Herz auf die Liebe dieses Gottes ausgerichtet wird und meine Hoffnungen lebendig bleiben. 

Amen 

Das folgende Lied nennt einiges, was mit der Sehnsucht nach Gott verbunden ist beim Namen: Frieden, Freiheit, Hoffnung, Einsicht, Beherztheit, Beistand, Heilung, Ganz-sein, Zukunft. Der Text ist auf der Rückseite des Andachtsblattes. 

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Andacht zum Monat Oktober 2021

MONATSLOSUNG OKTOBER:
Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.
(Hebräer 10, 27)

Gedanken von Carolin Pappe

Was würde es für mich ohne Kirche nicht geben? Diese Frage des Journalisten Heribert Prantl stelle
ich mir und gebe sie auch an Sie weiter. Was könnte ich gut missen – worauf würde ich nur ungern
verzichten?
Ich habe mir zu diesen Fragen bereits einige Gedanken gemacht, ich gebe Ihnen etwas Zeit, für sich
Antworten zu suchen und sie eventuell hier mitzuteilen…
Was würde es für mich ohne Kirche nicht geben?
Was könnte ich gut missen – worauf würde ich nur ungern verzichten?
Ich singe in einem Kirchenchor, manchmal Konzerte, teils in Gottesdiensten, sind wir unterwegs, so
besuchen wir mitunter Gottesdienste „in der Fremde” und dabei empfinde ich meistens ein Gefühl
der Heimat, häufig ausgelöst durch Liturgie oder Lieder. Unsere Andachtsvorbereitungen und die
Andacht selber, auch die etwas anders gestalteten Andachten zu Jahresbeginn – würde es für mich
ohne Kirche nicht geben. Wahl des KVs, Briefe zum Kirchgeld, Kirchensteuer auf der
Gehaltsabrechnung – missen könnte ich wohl jeweils die administrative Seite,  auch wenn ich weiß,
dass es ohne sie nicht so ginge. Verzichten nicht: die Kirchengebäude, die oft den Atem vieler
Jahrhunderte tragen und je nach Architektur und Gestaltung mir Wohlfühlen vermitteln. Oder mir
einen Raum geben, um zur Ruhe zu kommen, Danke zu sagen im Gespräch mit Gott – aber Gebäude
und Orgeln braucht es vielleicht nicht unbedingt, um Gemeinschaft mit Gott zu haben.
Weder für mich „allein“, noch für mehrere. Wir haben eben im Kanon gesungen „Wo zwei oder
drei…“ auch auf einer Wiese oder so können wir Gemeinschaft im Glauben erleben und Gottes Wort
in uns wirken lassen, dazu bedarf es wenig Institution und Architektur.
Aus den Gruppen (Chor, Andacht, Kirchentag, Jugendkreis) werden Impulse für den Alltag
mitgenommen, es wird Gutes herausgenommen und weitergegeben.
Hier kommt nun der Hebräervers, der heißen kann: „Lasst uns aufeinander acht geben, ermutigt
euch, gute Sachen zu machen, wir sind füreinander verantwortlich – daher lasst uns gegenseitig zu
Liebe und guten Taten anspornen.“
Auch wenn wir vielleicht einiges missen können, was Kirche auch ist – der Vers macht deutlich, dass
wir einander benötigen, weil wir uns manche Dinge nicht selber sagen können. Hoffnung,
Zuversicht, Mut, Segen – sagen uns andere. Bonhoeffer meinte: Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche
für andere ist.
Ich kann auf Dauer nicht nur meinen „privaten“ Glauben pflegen, sondern benötige den Austausch
und die Gemeinschaft mit Gott und anderen Mitmenschen, um im Glauben bestärkt zu werden, in
Notzeiten Unterstützung zu erfahren – dadurch gedeihen Gaben und Gemeinschaft. In unseren
Gedanken in der Vorbereitung hatten wir aber auch festgestellt, dass es auch Nichtchristen gibt, die
Gutes tun – sei es bei THW, DRK oder ohne Organisation. Und tatsächlich kann der Vers auch generell
auffordern und ist auch ohne Glauben leistbar: solange die Welt dadurch menschlicher wird und
Verantwortung übernommen wird, finde ich die Basis, auf der das ruht, nachrangig. Für mich selber
ist wiederum der Glaube als Basis entscheidend, um mein Leben zu gestalten im Versuch, im Sinne
Jesu zu leben und hierbei merke ich immer wieder „Glaube ist kein Einzelgänger” und fühle mich in
der Gemeinschaft, beispielsweise der Andacht, beschenkt und bestärkt und wünsche uns allen diese
Erfahrung aus dem Miteinander heraus.
DIe Menschen damals warteten auf Jesus, den einige noch gesehen hatten, hofften, dass er zur Tür
hereinkommen würde. Wir heute warten nicht in dem Sinne auf sein Erscheinen, drücken aber
beispielsweise im folgenden Lied unseren Glauben aus: “Wir glauben Gott ist in der Welt”.

Andacht zum Monat Juli 2021

MONATSLOSUNG Juli:

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben,  weben und sind wir.“

(Apostelgeschichte 17, 27-28)

 Gedanken von Rosemarie Krause

„Wo ich gehe, wo ich stehe,

bist du, lieber Gott, bei mir.

Wenn ich dich auch niemals sehe:

Ich bin sicher, du bist hier.“

Dieses kleine Kindergebet kam mir in den Sinn, als ich mich dem Monatsspruch zuwandte, um ihn besser zu verstehen. Hier drückt sich eine Geborgenheit aus, denn es ist der „liebe“ Gott, den das betende Kind bei sich fühlt. Kinderglaube tut gut: ich bin sicher, Gott, du bist hier und ich bin bei dir in Sicherheit gegenüber der unfassbar großen Welt.

Anders fühlt sich das erwachsene Suchen und Zweifeln an: Gott, wo bist  du? Warum verbirgst du dich? Gibt es dich überhaupt? Stimmt die Schöpfungsgeschichte, in der erzählt wird, dass du allein die ganze Welt erschaffen hast und auch den Menschen, den Menschen in seiner milliardenfachen Vervielfältigung, den Menschen, der seinen Brüdern und Schwestern Leid und Schmerz zufügt, dem dasselbe auch von den Anderen zugefügt wird? Diese Geschichte kann doch gar nicht stimmen: die Naturwissenschaften haben Beweise gefunden, die sie in ein anderes Licht stellen.

Wie kannst du Kriege und Flüchtlingselend zulassen, schwere Krankheiten und Naturkatastrophen? Wie kannst du zulassen, dass deine Geschöpfe deine Schöpfung misshandeln und vielleicht zerstören? Bist du der liebe Gott, den das Kind vertrauensvoll anbetet? Welche Attribute treffen zu bei dir: Bist du gnädig, gütig, groß, bist du ein liebender Gott, hast du Erbarmen mit uns, bist du allmächtig? Bist du etwa nicht allmächtig?

Wir stellen Gott viele Fragen, Antworten sind nicht immer leicht zu finden. Manchmal sind es nur Spuren, die wir zu entdecken meinen: Diese ganze Natur, sie ist so unermesslich wunderbar, vom menschlichen Verstand nie ganz zu fassen.

Und die menschliche Natur, wie ist es um sie bestellt? Ist der Mensch von Natur aus gut oder ist es umgekehrt: ist er böse? Woher hat er seine Ethik, sein Gewissen, das ihn zurückhält, wenn Enttäuschung zu Verzweiflung wird, Verzweiflung zu Wut und Hass, die sich in Gewalt entladen können? Warum gehen die Menschen nicht immer rücksichtsvoll, liebevoll miteinander um?

Wo also bist du, Gott?

Wo, besonders wenn wir in Not geraten?

Meine alte Tante, geboren 1895, erzählte mir in meinem jugendlichen Fragen von einem Gespräch mit ihrer Freundin Leni: Tante Erna hatte nach Gottesbeweisen und Glaubensorientierung gefragt, hatte ihre Zweifel nicht überwinden können – und Leni lachte sie an. Warum das viele Fragen? Du musst einfach glauben, einfach nur glauben, dann bist du in Sicherheit und kannst ein gutes Leben führen.

Einfach glauben! Den Kinderglauben festhalten.

Tief berührt hat mich die Äußerung von Margot Käßmann, als sie massiv über einen Fehler stolperte und ihr Bischofsamt aufgab: Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand, sagte sie.. Diese Gewissheit! Solcher Trost!

Einen solchen Schutz und eine solche Festigkeit finden  wir auch in diesem kleinen Text, in unserem Monatsspruch:

Gott ist immer da. In ihm leben, weben und sind wir. Punkt.

Amen

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Die Andacht zum Monat Juni fand wieder live statt, draußen vor dem Gemeindehaus. Endlich war auch wieder gemeinsamer Gesang möglich:

Die Gedanken zur Monatslosung kamen von Reinhard Krause:

Monatsandacht Juni 2021: 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 

Apg. 5, 29 

Wer sind die Menschen? In Zusammenhang mit dem Monatsspruch sind es die religiösen Führer Israels kurz nach der Kreuzigung Jesu. Menschen, die sich in der Verantwortung für ihren Glauben an den Gott Israels sehen und Jesus nicht als den angekündigten Messias anerkennen, sondern als einen Gotteslästerer begreifen, der beseitigt werden musste. So wie auch andere, die mit ihrer Auffassung von der herrschenden Lehre abwichen und das damals mit ihrem Leben bezahlten. Die Umgebung des Monatsspruchs in der Apostelgeschichte erzählt davon. Nicht immer historisch korrekt, aber als Lukas alles niederschreibt, sind ja auch viele Jahrzehnte vergangen und mündliche Überlieferung ist alles andere als unbeweglich. 

Wenn dieser Vers heute zitiert oder inhaltlich genutzt wird, geht es um verschiedene Dinge. Es geht um das Recht, einer herrschenden Meinung, einer brutalen und ungerechten Herrschaft, zu widersprechen. Etwa in Myanmar oder Belarus oder Mali oder … Überall, wo herrschende Cliquen ihre korrupten wirtschaftlichen Privilegien mit der Unterdrückung eines Volkes aufrechterhalten wollen. Und sich dazu selbst ein wohl gottloses Recht geben. Behaupten, eine höhere Ordnung gegen Störenfriede oder gar Terrorristen zu verteidigen. Wie zum Beispiel Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland zur heiligen Heldentat erklärt wurde. Und doch nichts anderes war als brutaler Völkermord. 

Hannah Arendt hat in diesem Zusammenhang das Recht zum Gehorsam gegenüber den Herrschenden verworfen, als das deutsche Volk und insbesondere die konkret angeklagten Täter sich vor Gericht oder vor kritischen Angriffen damit verteidigten, dass sie nur Befehle befolgt hätten und doch zum Gehorsam verpflichtet waren. Gott mehr gehorchen als der Herrschaft und der Grausamkeit heißt dann ja wohl: dem Gewissen und einem liebevollen Menschenbild verpflichtet sein. Bereit sein zum Widerspruch und Widerstand und möglicherweise zum Opfertod. Wie die Geschwister Scholl und die gesamte Gruppe „Die weiße Rose“ das vorgelebt haben. Wie Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Märtyrer aus dem deutschen Widerstand. 

Gott gehorchen. Den haben wir nicht im Griff. Dem nähern wir uns nur als Menschen an wie Mose am brennenden Busch am Berg Horeb. Oder die Urgemeinde damals nach der Kreuzigung Jesu in Jerusalem. Oder Luther in seinem Widerstand gegen die damalige Kirche und ihre korrupte Theologie.  

Gott missbrauchen. Das ist die andere Seite der Medaille bei der Berufung auf Gott. Wenn im unsinnigen Widerstand gegen Pandemiebekämpfung von einer Querdenkerin Sophie Scholl als Vorkämpferin der Freiheit beansprucht wird. Wenn Trump-Anhänger sich bei ihrem ideologischen Bestreben auf Dietrich Bonhoeffer berufen, der ja auch am bewaffneten Widerstand in Deutschland beteiligt gewesen sei. Dann stimmt etwas nicht. Dann wird dieser Satz vom Gott gehorchen müssen problematisch.  

Die Sehnsucht nach Gott ist für mich eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Geborgenheit. Und wo Ungerechtigkeit und Terror einkehrt, da hört das berechtigte Berufen auf Gott auf. Da wird Gott sinnwidrig. Lebensfeindlich. 

Als christliche Gläubige feiern wir Gott im Bild der Trinität dankbar für das, was uns an Lebendigkeit und vielfältiger Lebenswelt geschenkt ist. Wir orientieren uns an Personen, die uns beeindrucken und überzeugen. Auch oft genug in ihrem Leid, das sie dafür hinnehmen müssen. Und an guten und richtigen Gedanken, die uns erreichen und unser Handeln auf die richtige Spur bringen.  

Nachdenken und Nachfühlen müssen wir in unserem Leben selbst. Unser Gewissen befragen und bemühen. Hoffentlich mit einem Ergebnis im Sinne dieses Gottes, dem wir dann natürlich mehr gehorchen müssen als dem kurzlebigen Mainstream. Solcher Gehorsam hält die Welt und ihre Geschichte in Bewegung und schützt das Lebendige vor tödlicher Erstarrung. 

Amen 

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Hier kommen Sie zur Online-Andacht zum Monatsbeginn Mai https://youtu.be/l7zZf9o2nlA_Andacht zum Monatsbeginn Mai

Aufgezeichnet in St. Severi, Otterndorf. Mit: Reinhard Krause, Rosemarie Krause, Ute Mushardt, Carolin Pappe sowie Kai Rudl am Keyboard

Kamera: Ekkehard Drath

MONATSLOSUNG Mai:

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen     Sprüche 31, 8

Ablauf:

  • John Herberman: A Path to Solitude (Keyboard)
  • Begrüßung
  • Lied (HuT – Durch Hohes und Tiefes 163) Meine engen Grenzen
  • Gedanken zum Text
  • Lied (EG – Evangelisches Gesangbuch 432) Gott gab uns Atem
  • (HuT 637) Psalm 40
  • (Lied Vers 1,2,5)  Wenn du denkst, du hast zum Helfen keine Zeit
  • Gebet
  • Vaterunser
  • Lied (HuT 222)  Möge die Straße
  • Segen
  • Lied (HuT 220) Bewahre uns, Gott
  • Schlussworte
  • Musik zum Ausgang: Variationen über “Bewahre uns, Gott”

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Hier kommen Sie zur Online-Andacht Andacht zum Monatsbeginn April

Aufgezeichnet in St. Severi, Otterndorf. Mit: Reinhard Krause, Rosemarie Krause, Ute Mushardt, Carolin Pappe sowie Kai Rudl am Keyboard

Kamera: Ekkehard Drath

MONATSLOSUNG April:

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.     Kolosser 1, 15

Ablauf:

  • Begrüßung
  • Ouverture E-Moll von Niki Reiser (aus  “Das fliegende Klassenzimmer”).
  • (Lied) Bleibet hier und wachet mit mir (3mal)
  • Gedanken zum Text
  • Lied (HuT 215) Leben aus der Quelle
  • Hymnus aus dem Kolosserbrief (Kol. 1, 15-20)
  • Lied (HuT283) Ich sing dir mein Lied
  • Text von Dorothee Sölle (als Gebet)
  • Vaterunser
  • Lied (HuT189, 1+4   Wir haben reichlich Segen erfahren
  • Segen
  • Lied HuT 220 Bewahre uns, Gott
  • Schlussworte
  • Lied EG 175 Ausgang und Eingang

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Im März findet im allgemeinen keine Andacht zum Monatsbeginn statt, weil zeitgleich der Weltgebetstag stattfindet.

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Blick auf die Otterndorfer St. Severi-Kirche vom Süderwall aus (Foto: Silke Becker)

Die Februar-Andacht fand nur im Internet statt: https://www.youtube.com/watch?v=OoLLQtU16Rg&feature=youtu.be

Gedanken zur Monatslosung für den Februar 2021

von Reinhard Krause

„Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ Lukas 10, 20 

Wenn ich Lukas fragen könnte, würde ich wissen wollen, wo der Himmel bei ihm oder Jesus verortet ist. Ist damit der Himmel über uns gemeint oberhalb der Scheibe Erde, auf der die Menschen damals zu leben glaubten? Die ist uns ja schon einige hundert Jahre verloren gegangen, diese Erde und dieser Himmel, in dem von uns Menschen weniger unsere Namen als hinterlassener Weltraumschrott zu finden ist. 

Das Himmelsbuch, in dem unsere Namen zu finden sind, ist als Idee viel älter als das Lukasevangelium. Im Zusammenhang des Textes geht es ja um sowas wie den Kampf des Bösen und des Guten, die Besiegung des Teufels durch Gott. 72 von Jesus bevollmächtigte Jünger sind ausgezogen und stolz zurückgekehrt, weil sie böse Geister aus Menschen vertrieben haben. Aber der besiegte Teufel ist für Jesus nicht das Wesentliche. Sondern der Sieg Gottes. In sein Buch sind die Namen der Jünger eingetragen. Festgehalten, verewigt. Darüber sollen sie sich freuen. 

Eine Zukunft, in der Menschen in ein Buch des Lebens eingetragen werden. Von einer himmlischen Bürgerliste spricht die Erklärungsbibel. Nun gut, dieses Himmelreich oder Reich Gottes ist eine Sache des Glaubens, des Vertrauens in das Geschenk des Lebens. Namen bezeichnen einen ganzen Menschen in einem Leben mit irdischem Anfang und irdischem Ende. Jede und jeder ist einmalig. Er muss sich nicht anpassen und verzweifelt einem Mainstream nachjagen. Oder als junger Mensch Follower einer Heldin im Netz werden. Nein, so wie jemand ist, ist er im Buch des Lebens eingetragen und angenommen. Keine Leistung, ein Geschenk des Himmels, das uns alle Angst, allen Stress nehmen kann. Wenn wir uns als gewollte und geliebte Menschen annehmen können. 

Ob uns das gelingt? Oder hetzen wir nicht doch dem Gedanken nach, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Ziele, Pläne und Leistungen bringen müssen. Im Anfang des Lebens geht das nicht. Da sind wir angewiesen darauf ohne Gegenleistung beschenkt zu werden. Und am Ende auch oft nicht. Da sind wir wieder auf Hilfe angewiesen. Und manche auch ihr ganzes Leben. Nicht schlecht, wenn wir uns und unsere Mitmenschen in unseren Grenzen annehmen. Das macht die Welt himmlischer. Sicher! Gut in ein Bürgerbuch dort eingetragen zu sein. Amen 

Andacht zum Jahresbeginn

Aufzeichnung der Andacht http://kirche-otterndorf.de/2021/01/09/festliche-andacht-zum-jahresbeginn/

 

Votum und Begrüßung

von Rosemarie und Reinhard Krause

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. – Dieser Aufruf Jesu soll uns ermutigen, von der göttlichen Barmherzigkeit, die wir erfahren, zu lernen und sie weiterzugeben. Jesus sprach diese Worte nach dem Evangelisten Lukas zu vielen Menschen aus dem ganzen jüdischen Land, die sich auf einem Feld um ihn versammelt hatten, um ihn zu hören. Und damit sind sie auch an uns gerichtet.

Immer zum Jahresbeginn lädt die Kirchengemeinde Menschen aus der ganzen Stadt ein, um über ein Bibelwort nachzudenken und Perspektiven für ein neues Jahr zu gewinnen. Wir freuen uns, dass Sie dieser Einladung gefolgt sind, auch wenn das traditionelle Zusammensein nach der Andacht diesmal nicht möglich sein wird. Froh bin ich auch darüber, dass Pastor Klaus Volkhardt aus Bülkau uns wieder musikalisch unterstützt. Zusammen mit Kreiskantor Kai Rudl wird er die Musikakzente im Ablauf setzen. (Hinweise: Video-Aufzeichnung, Kollekte)

Wir wollen nun diese Andacht feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Barmherzigkeit“ – dieses Wort ist eigentlich nicht mehr zeitgemäß, nicht unbedingt alltagstauglich. Das Wort stammt aus der gotischen Kirchensprache. „Herz“ ist drin, das Organ, das in der jüdischen Bildersprache als Puls des Lebens Vernunft und Gefühl miteinander verbindet. Und „arm“ für alles Unvollkommene in unserem Leben oder dem der Anderen. Mit unseren Herzen sollen wir auf diese Unvollkommenheiten schauen, sollen bei Unglück und Leid nicht wegsehen, sondern uns zuwenden und da weiterhelfen.

Dabei steht ein solches Verhalten oft im Gegensatz zu unserem Alltagsverhalten. Nur zu leicht verführt uns der Ärger über einige Mitmenschen, der Frust über geplatzte Pläne dazu, dass wir unreflektiert reagieren, die Mitmenschen verbal aburteilen, über Andere richten. Beweggründe der anderen Seite sind uns dann egal, nur unser eigenes Unglück wollen wir abwenden, unser Vorrecht zementieren. Wir nehmen den Anderen nicht in den Blick, wir wiegen unser Handeln nicht mit dem Herzen ab und werden dann leicht rücksichtslos, erbarmungslos, unmenschlich.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz in der Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry.

Oft verhalten wir uns im Alltag so, dass wir, wenn wir etwas geben, dafür etwas zurückerhalten wollen, einen Deal machen. Wenn ich dir etwas gebe: Was hab ich dann davon? Jesus fordert von uns aber, ohne diesen Gedanken des eigenen Vorteils zu geben, und verspricht gleichzeitig: „Gebt, so wird euch gegeben.“ Tut Gutes, so wird euch auch Gutes getan. „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“ (Vers 38)

Seid barmherzig, ….

Die hebräische Bezeichnung für Erbarmen lautet racham. Das bedeutet auch Mutterschoß / Gebärmutter. Erbarmen, Barmherzigkeit als ein anderes Wort für Mütterlichkeit. Ein Bild fällt mir dazu ein: Das Kind ist gestürzt, die Kniee bluten, das Kind weint. Die Mutter pustet auf die Wunde und spendet Trost. Das Wunder geschieht: Es tut nicht mehr weh.

 … wie auch euer Vater barmherzig ist.

Das biblische Bild vom Vater erlebe ich am Sonntagmorgen beim Brötchenholen. Der kleine Junge mit dem Spielzeugauto, der sich mit seinem Papa langsam in der Schlange der maskierten Wartenden zum Eingang der Bäckerei vorarbeitet. Der freundliche Ton des Vaters, der das geduldige Warten auf die Brötchen zu einem sanften Erlebnis macht voller Leben.

Auch wenn nicht alle Väter und Mütter perfekt sind: Ohne ihre unendliche Geduld und ihre liebevolle Zuwendung oder die von anderen Menschen gäbe es kein Leben.

Gott wird Mensch oder: der reale Mensch wird zu einem Bild des liebevollen Gottes.

„Vom Umgang mit dem Nächsten“ – so heißt die Überschrift im Lukasevangelium über unserer Jahreslosung als Rezept für ein gutes Leben:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Gedanken zur Jahreslosung

von Thorsten Niehus

„Sei doch ein bisschen barmherzig.“ Etwas altmodisch klingt diese Aufforderung mit dem Unterton, es doch nicht so eng zu sehen, wenn der andere etwas nicht so ganz optimal gemacht hat. Barmherzigkeit ist aber etwas ganz Anderes, als großzügig über lässliche Fehler hinwegzusehen. Barmherzigkeit ist etwas ganz Anderes als die harmlose, selbstverständliche Aufforderung, doch nett miteinander zu sein.

Um das zu erkennen, müssen wir die Bibel aufschlagen und lesen, was im 6. Kapitel des Lukasevangeliums vor und nach der Jahreslosung steht. Dann erkennen wir, dass der Satz: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“, ein Scharnier bildet zwischen zwei Themen, die uns auch als Christen wohl die schwersten sind.

Wir befinden uns mitten in der Bergpredigt, die bei Lukas noch etwas zugespitzter ist als bei Matthäus. Vor der Jahreslosung spricht Jesus von der Feindesliebe: Nett zueinander sein und nach außen hin ein gutes Bild abgeben, das können auch die Heiden. Das ist nichts Besonderes. Wir sollen die linke Wange hinhalten, wenn uns jemand auf die rechte Wange schlägt. Und dann heißt es unmittelbar vor der Jahreslosung: Liebt eure Feinde und tut ihnen Gutes, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Uns wird deutlich, dass wir uns kräftig bemühen können, auch unseren größten Widersacher zu lieben. Das bedeutet mehr als akzeptieren oder respektieren. Wir können uns darum bemühen, aber wir wissen genau, dass wir immer wieder scheitern werden. Und doch mutet uns Jesus zu, an Gottes Stelle, als Stellvertreter Gottes auf Erden, unsere Feinde zu lieben. Nicht der Papst, nicht der Bischof, nicht irgendein anderer ist gemeint, sondern ich und du. Und wer auf den anderen mit dem Finger zeigt, auf den zeigen drei Finger zurück.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und unmittelbar nach der Jahreslosung folgen die Sätze: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. So und nicht anders.

Jesus beschreibt den ersten Schritt auf dem Weg zur Feindesliebe: Den anderen nicht zu beurteilen, gar zu verdammen, sondern ihm jederzeit zu vergeben.

Den anderen beurteilen bringt immer Unruhe mit sich. Nicht nur bei Kritik. Wenn ich jemanden öffentlich belobige, fühlen sich andere zurückgesetzt. Wenn Erzieherinnen im Kindergarten, diejenigen, die ohne Maske und Abstand mit vielen Kindern aus unterschiedlichsten Haushalten zusammenleben, wenn die einen Corona-Zuschlag bekommen, dann gibt es Menschen, die sagen: Vollkommen zu Recht. Denn schließlich sind Erzieherinnen sogar noch vor Altenpflegerinnen diejenigen, die am häufigsten von allen Berufsgruppen während der Corona-Pandemie krankgeschrieben werden müssen. Andere hingegen möchten auch einen Zuschlag haben und fühlen sich benachteiligt. Und schon haben wir Aufruhr. Und dass aus Streit mit Worten von Menschen, die sich zurückgesetzt fühlen, Taten folgen, dazu brauchen wir gar nicht ganz bis nach Amerika zu gucken, sondern fangen am Besten bei uns selber an.

Barmherzigkeit gegenüber den Menschen, die anders sind, die uns auf den Wecker gehen, vielleicht sogar feindlich gesinnt. Eigenes Geltungsbedürfnis und Neid auf Andere in den dauerhaften Lockdown zu schicken, wäre die Voraussetzung dafür, überhaupt über Barmherzigkeit nachzudenken und zu reden.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Die Jahreslosung 2021 ist keine harmlose Nettigkeit. Sie ist eine Zumutung. Gott mutet uns zu, andere nicht zu beurteilen, und nicht nur die, die uns nahe sind, sondern genauso unsere Feinde zu lieben. Eine Zumutung, zu der Gott uns Mut zuspricht, um Frieden zu stiften. Da sollen wir als Christinnen und Christen zu Recht ganz vorne dabei sein. Amen.

Gedanken zur Jahreslosung mit szenischem Spiel

von Carolin Pappe und Ute Mushardt

Szenische Darstellung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32)

Das ist Handeln aus Liebe. Die Geschichte vom verlorenen Sohn stammt aus ferner Zeit, aber das Thema ist uns nahe, bis heute. Der Vater ist barmherzig zu seinem Kind, weil er es liebt. Nicht etwa, weil das Kind es sich verdient hätte. So wenig, wie sich der verlorene Sohn die offene Tür seines Vaters erarbeitet hat.

Die offene Tür hatte der verlorene Sohn eigentlich verspielt durch Verprassen des Erbes. Aber die Liebe des Vaters bleibt dennoch.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet.

Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. (Lukas 6, 36-38)

Jahresrückblick

von Thorsten Niehus

Silke Becker hat mich, weil sie krank ist, gebeten, als ihr Stellvertreter im Kirchenvorstand einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr zu halten.

Ein Neujahrsempfang geht nicht in diesem Jahr. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, mich im Namen des Kirchenvorstandes bei allen haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden zu bedanken: Für das Engagement im Jahr 2020 und für die viele Geduld, Kreativität, Nerven und Extrazeit, die wir alle wg. der verrückten Umstände rund um Corona für unsere Kirchengemeinde eingesetzt haben.

Nach dem letzten Neujahrsempfang beginnt unser Gemeindeleben wie geplant: Winterkirche, neue Kirchenbeleuchtung, Konzert mit Klaus Florian Vogt, Weltgebetstag und manches mehr. Doch dann der erste Lockdown: Von heute auf morgen müssen wir Kirche und Gemeindehaus komplett schließen. Der Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden war der erste von vielen Gottesdiensten am Küchentisch. Vom Kirchturm klingen zwei Trompeten. Die Kindertagesstätte ist im Notbetrieb, Beerdigungen können nur im kleinsten Kreis unter freiem Himmel stattfinden.

Anfang Mai kamen die ersten sogenannten Lockerungen. Ein Begriff, den ich bisher nur aus dem Strafvollzug kannte: Unter Lockerungen versteht man Erleichterungen im Rahmen des Strafvollzugs für einen Strafgefangenen durch befristetes Verlassen der Justizvollzugsanstalt.  Darum finde ich das Wort Lockerungen furchtbar: Wir sind keine Gefangenen, nicht des Virus und erst recht nicht der Regierung, die Verantwortung für uns übernimmt, wo die Selbstverantwortung nicht ausreicht. Ich spreche lieber von Öffnungen, statt von Lockerungen.

Als erstes kam die Wiedereröffnung der Kirche mit Einschränkungen: Maske, nicht singen, Handhygiene, alles war ungewohnt und fremd.

Wir haben Orgelandachten und eine musikalische Abendandacht gefeiert.

Die Konfirmationen wurden in den September verschoben und in kleinsten Gruppen gefeiert, Im August gab es mehrere Schulanfänger-Gottesdienste nur mit Eltern und Kindern einer Klasse.

Im Sommer Gottesdienst, Chorproben und Posaunenchor draußen mit Abstand. Es konnte wieder gesungen werden. Im Gottesdienst und beim offenen Singen hinter der Kirche. Besuche waren wieder möglich. Auch der Handarbeitskreis traf sich wieder mit viel Abstand.

Mit den Öffnungen stieg die Ungeduld, dass alles wieder möglichst bald so wie früher wird. Doch mit dem Ende des Sommers machte sich erst die Ahnung und heute die Gewissheit breit, dass die Infektionen wieder galoppierend zunehmen.

Wir sind als Kirchengemeinde nach allem menschlichen Ermessen verantwortungsvoll mit dem Virus umgegangen. Während die meisten Schulen noch auf Verdacht gelüftet haben, gab und gibt es bei uns in Kirche und Gemeindehaus neben allen anderen Maßnahmen auch Luftmessgeräte, die anzeigen, wann Frischluft nötig ist.

Wir haben rechtzeitig und mit viel Sicherheitsreserve den Heiligen Abend geplant und gefeiert und werden auch im vor uns liegenden Jahr alles dafür tun, dass die Schwächsten geschützt werden, vor dem Virus und vor Vereinsamung.

Ob und wieviel von unserem früheren Gemeindeleben im vor uns liegende Jahr möglich werden wird, das wissen wir nicht. Uns bleiben Geduld und Kreativität. Und vor allen Dingen: Barmherzigkeit. Auch gegenüber unserer Begrenztheit. Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)

 

 

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