Geschichte und Baudaten:

Als Baudatum der Kirche wird immer die Zeit "um 1300" genannt. Das kann sich aber nur auf eines von mehreren Baudaten beziehen, denn manches deutet darauf, dass die Kirche zu Otterndorf in der 2. Hälfte des 12. Jh. entstanden ist. Für das hohe Alter sprechen beispielsweise die alten Grenzen des Kirchspiels, die Ortschaft einschließend, die den benachbarten Kirchspielen Altenbruch, Osterbruch und Neuenkirchen näher liegen als der Kirche zu Otterndorf, und dass der größere Teil, der sicher schon im 11. Jh. besiedelten Otterndorfer Dorfwurt der Kirche gehört hat, was auch durch spätere Schenkungen nicht denkbar wäre. - Das sind zwar Hinweise auf eine frühe Gründung der Otterndorfer Kirche, leider aber keine Hilfe zur Datierung. Die kommt auch nicht von dem Patrozinum St. Severus. Dieser ravennatische Heilige wurde nördlich der Alpen hauptsächlich im Erzbistum Mainz und in Erfurt verehrt; eine Beziehung zum (Erz-) Bistum Bremen ist nicht bekannt. Die Darstellung auf dem ältesten Kirchensiegel, das wie Teile des heutigen Baues um 1300 datiert wird, wird seit etwas 1800 wiederum mit dem hl. Nikolaus (von Myra), dem Schutzheiligen der Schiffer, in Verbindung gebracht.  Der einzig gesicherte Nachweis für eine ältere Kirche ist denn auch nur die Erwähnung eines "Godefridus plebanus in Otterentorpe" im Jahre 1261. 

Auch die Baudaten der bestehenden Kirche sind nicht hinreichend belegt. Das immer wieder genannte Datum "um 1300" wird sich auf das vielfach verändere fünfachsige Kirchenschiff beziehen, dessen Befensterung man sich natürlich kleiner vorstellen muss, während die Lage der Zugänge im Norden und Süden dem noch bis weit in das 16. Jh. verbreiteten Typ des ländlichen Saalbaues entsprechen. Im Zusammenhang mit der von Ghert Klinghe 1450 gegossenen Marienglocke wird ein runder Kirchturm erwähnt, der 1556 abgebrochen worden sei, danach hätten wir es mit einer seit dem 11. Jh. in den Elbmarschen verbreiteten Form zu tun gehabt. Den romanischen Bau haben wir uns daher als einen aus Feldsteinen errichteten Saalbau mit rundem Westturm vorzustellen, dessen Chorform nicht bekannt ist. Der zweite Turm war dann 1804 so baufällig, das er abgetragen werden musste; schon Johann Heinrich Voß, der 1778 - 1782 als Rektor der Otterndorfer Lateinschule in dem dem Turm gegenüberliegenden Haus Nr. 8 gelebt hatte, sah in seinen Versen !An den Wind" aus dem Jahre 1780 den Turm voller Sorge an: "... Auch unser krummer Kirchturm, mein Nachbar, hat nicht gerne Sturm: Sonst fällt das alte Übel noch gar auf meinen Giebel." Den heutigen Turm erbaute 1807 der Maurermeister Chr. Nebelung, und zwar ohne Spitze. Dadurch war es möglich, in den Jahren 1837 - 1850 auf der Turmplattform eine Station des optischen Telegraphen der Linie Cuxhaven - Hamburg zu unterhalten. Der 48 m hoch aufragende Turmhelm datiert von 1876. Eine interessante Entdeckung machte man bei der Renovierung von 1974, bei der man einen in Backstein gemauerten Gang auffand, der zur Medem führte: ihn benutzten vermutlich die Kirchgänger aus Pedingworth und anderen Orten, von denen man nur mit dem Boot zur Kirche gelangen konnte.

Der Hallenchor mit drei zu drei Jochen wurde der Überlieferung nach 1585 erbaut. Er gehört zu einer Gruppe von Hallenchören, zu denen außer Otterndorf die der Kirchen zu Altenbruch (1494), Dorum (1510) und Lüdingworth (1520) gehören. Der von Lüdingworth und Altenbruch mussten bereits 1609 repariert bzw. 1727 von Grund auf erneuert werden; sie waren wohl nicht sehr solide erbaut. Da ist der Hinweis nicht uninteressant, wonach der Chor zu Altenbruch nach dem Vorbild des Otterndorfers gewölbt worden sein soll. Wer die Chöre miteinander vergleicht, wird jedenfalls das Jahr 1585 als Baudatum für den Otterndorfer Hallenchor ausschließen und als Zeitpunkt einer größeren Instandsetzung ansehen. Die im Vergleich zu den anderen Chören plumperen Formen sind am Ende des 15. Jh. jedenfalls eher denkbar als 100 Jahre später.

1739/40 kam es zu einer so weitgehenden Reparatur des Kirchenschiffs, dass sie den Menschen offenbar wie ein Neubau erschienen sein muss. Man nimmt heute jedoch an, dass die Wände, nachdem die Fenster vergrößert worden sein müssen, nur mit Backsteinen verkleidet wurden - das lassen nicht nur die spätromanisch-frühgotischen Portale vermuten, sondern auch die 1,25 m starke Wand.