Ewigkeitssonntag – virtuelle Trauerkultur

Mit einem Klick eine Kerze für einen Verstorbenen anzünden – ich war überrascht, als ich erfahren habe, dass das möglich ist: auf virtuellen Friedhöfen im Internet. Neben Trauergruppen und Gedenkseiten, die manchmal auch von Lokalzeitungen, Bestattern und auch kirchlicherseits angeboten werden, gibt es eine Reihe solcher Friedhöfe im Netz. Angeblich sind es Hunderttausende, die dort für verstorbene Angehörige oder Freunde eine virtuelle Gedenkstätte errichten.

Als Besucher der Seite kann man sich Texte, Fotos und vielleicht auch Videos des Verstorbenen ansehen, man kann persönliche Erinnerungen hinzufügen, tröstliche Gedanken hinterlassen oder einfach eine virtuelle Kerze für den Verstorbenen entzünden. So entsteht eine neue Erinnerungskultur mit persönlichen Kontakten auch über Entfernungen. Häufig verwenden die Trauernden, die die Seite betreiben, viel Sorgfalt und Mühe darauf, die virtuelle Gedenkstätte zu pflegen; es ist für sie eine gute Möglichkeit für die Trauerarbeit.

Man kann solche virtuellen Friedhöfe als Konkurrenz zu unserer Friedhofskultur sehen.

Manche gehen davon aus, dass die Trauerarbeit auf Friedhöfen und in Kirchengemeinden mehr und mehr von solchen Formen abgelöst wird, andere werden die virtuelle Trauerkultur für eine Randerscheinung halten, die sich bald überlebt haben wird. Ich nehme eher an, dass sich der Friedhof als Ort der Trauer und das Gedenken im Internet vielfach ergänzen werden – ebenso die Trauerbegleitung im direkten Umfeld und der Austausch in Trauergruppen in den sozialen Netzwerken. Ich nehme an, dass wir Pastorinnen und Pastoren diese neue Trauerkultur sehr unterschiedlich einschätzen werden:
Einerseits tritt der Friedhof als besonderer Erinnerungsort zurück, andererseits bietet das Internet vielfältige Formen der Erinnerung.
Einerseits bietet das Netz die Möglichkeit, mit Betroffenen in Austausch zu treten und Trauer und Trost zu teilen, andererseits geht die persönliche Nähe verloren.

Doch bei aller unterschiedlichen Bewertung scheint es mir wichtig, dass wir die Realität der virtuellen Trauerkultur wahrnehmen. Gerade im November, wo Tod und Trauer nicht nur für uns Predigende in den Vordergrund rücken, können die guten Möglichkeiten kirchlicher Trauerkultur und -praxis geübt werden – selbst reale Kerzen für Verstorbene am Totensonntag.

Vorbereitet für den Gottesdienst

Im Gottesdienst am Totensonntag sind besonders die Menschen aus unserer Gemeinde eingeladen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr von einem lieben Mitmenschen in Otterndorf Abschied nehmen mussten. Wir erinnern uns noch einmal an diese Menschen, nennen ihre Namen und zünden eine reale Kerze für sie an.

Ludwig Feltrup

 

Zu weiteren Fragen zum Thema Sterben und Tod siehe auch https://www.ekd.de/Ewigkeitssonntag-10838.htm